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Giorgio Sommer gehört auf seine Weise zu den Pionieren der Fotografie. Er hatte frühzeitig ein Gespür dafür, dass die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzende Reiselust vor allem in die Schweiz, nach Österreich, Malta und vor allem Italien ein einträgliches Geschäft für Fotografen bedeuten konnte, wenn sie touristische Erinnerungen in Form von postkartengroßen Fotografien für „kleines Geld“ anboten. Sommer perfektionierte diesen Service derart, dass der Schweizerische Photographenverein 1888 offiziell als Klage zu Protokoll gab, wegen Sommers Billigware müsse man sich Sorgen machen, dass die „einheimische Landschaftsfotografie vollständig ruiniert“ werde.
Zunächst hatte der 1834 in Frankfurt am Main geborene Sommer eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Sein Vater hatte ihm nach verschiedenen Quellen offenbar bereits 1850 eine Fotokamera geschenkt, die ihn auf den Gedanken brachte, das neue Medium zu seinem Beruf zu machen. Er zeigte sich dabei in den folgenden Jahrzehnten Experimenten nicht abgeneigt und probierte verschiedene Techniken aus. Der neueste Schrei der Fototechnik war in den Anfangsjahren seines Wirkens das nasse Kollodiumverfahren, zu dem Sommer eine Dunkelkammer in unmittelbarer Nähe der Aufnahme brauchte, weil dafür zunächst eine Glasplatte in einem aufwändigen chemischen Verfahren vorbereitet, dann belichtet und zügig „entwickelt“ und in mehreren sorgfältig einzuhaltenden Schritten zu einem Glasnegativ konserviert wurde. Erst in der zweiten Hälfte seines Schaffens setzte sich allmählich der etwas weniger aufwändige Planfilm durch.
Vor diesem Hintergrund nötigt die Vielzahl von Sommers relativ gut erhaltenen Aufnahmen einen gehörigen Respekt vor der Schaffenskraft dieses Fotografen ab. Allein aus der Schweiz sind weit über tausend Landschafts- und Architektur-Aufnahmen überliefert. Auch in Österreich und Malta hielt er grandiose Landschaften, beeindruckende Zeugnisse zeitgenössischer Technik und typische wie spektakuläre Architektur fest. Der Schwerpunkt seiner Arbeiten lag jedoch in Italien, wo Sommer mit Edmund („Edmondo“) Behles eine Foto-Partnerschaft einging.
Das Postkartenformat von „touristischen Ansichten“ überwiegt. Dennoch wählte Sommer auch Großabzüge, Stereobilder und stellte Einzelaufnahmen zu Serien und ganzen Alben zusammen. Manche Motive waren in ihrem Blickwinkel und in ihrer Konstruktion direkt für den Massengeschmack komponiert, wie etwa das viel verbreitete Bild der Pasta verschlingenden Italiener unterm Tannenbaum. Schaurige Dokumentationen von Mumien in den Katakomben von Palermo und von den Gipsabdrücken der Pompeji-Leichen zeugen dagegen von Sommers Bemühen um dokumentarische Fotografie, zu der auch zahlreiche Abbildungen antiker Statuen gehören. Sein Interesse für die Archäologie kreuzte sich ebenfalls mit seinem geschäftlichen Talent. So startete er als zweites Standbein auch eine Produktion von Repliken von Antiken aus Bronze und Ton, mit denen er wohlhabendere Touristen beglücken konnte.
Die Fülle seiner Fotos wurde zu einem großen Schatz für die Erforschung von Stadtentwicklungen. Ob Neapel, Florenz, Rom oder Amalfi - Dutzende von Aufnahmen von unterschiedlichsten Standpunkte und in verschiedenen Jahrzehnten erlauben ein detailliertes und im besten Sinne des Wortes fotorealistischen Eindruck von der Entwicklung der Städte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Aber auch gesellschaftliche Realitäten des 19. Jahrhunderts lichtete Sommer immer wieder ab. Im staatlichen Auftrag fixierte er die Schlacht und die Belagerung von Gaeta 1860/61, und auch das Erdbeben in Ischia 1883 ließ Sommers Talent als Fotoreporter durchschimmern. Den größten Scoup landete er in diesem Zusammenhang 1872, als er rechtzeitig zum Ausbruch des Vesuvs am 26. April mit seiner Kamera zur Stelle war und damit Standards für die Vulkan-Darstellung auch der nachfolgenden Jahrzehnte schuf. Seine Aufnahmen vom Ausbruch bildeten die Vorlage für viele Holzstiche, die das eindrucksvolle Schauspiel und seine tödlichen Gefahren für einen scheinbar friedlichen Alltag aufgriffen. Hatte er mit Behles in Rom in den 50er Jahren zunächst ein gemeinsames Fotoatelier, verfügte er ein Jahrzehnt später in Neapel über gleich vier Ateliers. Zahlreiche internationale Foto-Preise begleiteten das Wirken dieses emsigen wie geschäftstüchtigen Fotopioniers.
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