|
|
Touristen fotografieren in fremden Städten so gut wie alles. Eines nicht: Soziale Brennpunkte. In der Steigerungsform: Soziale Brennpunkte, in denen vor Langeweile zur Aggression neigende Jugendliche abhängen. Und im Superlativ: Das alles auch noch nachts. Das aber ist die Welt von Tobias Zielony.
Er hat sie eher zufällig gefunden, auch wenn es für den 26-Jährigen gebürtigen Wuppertaler während seines Dokumentarfotografie-Studiums 1999 im britischen Newport auf der Hand lag. Er suchte Motive für das Fach „Straßenfotografie“. Und entdeckte die Vorliebe herumhängender Jugendlicher für Jogginganzüge. Seine Lehrer interessierte es nicht. Als er es trotzdem dokumentiert hatte, fanden auch Londoner Redakteure kein Interesse an seinen Arbeiten. Sie vermissten, wie Zielony berichtete, die „Story“. Für den Kunstbetrieb wiederum erschienen seine Werke dann ganz im Gegenteil zu dokumentarisch, zu nah an der Fotoreportage. Der Berliner Fotokünstler hat sich dennoch durchgesetzt. Davon zeugt nicht zuletzt, dass ihn die Kunsthochschule für Medien in Köln Ende 2009 für die Professur für Künstlerische Fotografie gewann.
Denn Zielonys Objekte haben viel mehr Potenzial als nur die Bevölkerung von Tankstellen, Parkhäusern oder Straßenecken durch Jogginganzugträger. Das merkte Zielony bereits, als er sein Studium als Meisterschüler bei Prof. Timm Rautert fortsetzte – und in Deutschland dieselben Posen, dieselben Marken, dieselben Sprüche wiederfand, die er in England kennen gelernt hatte. Das eine in walisischer, das andere in sächsischer Ausprägung, aber ansonsten uniform: Zielony hatte eine bislang völlig übersehene Ausprägung der Globalisierung entdeckt.
Vielleicht lösen seine Serien auch deshalb weltweit so viel Interesse beim Publikum aus: Es ist das Gefühl, hier an unerwarteten Orten ein Phänomen vorzufinden, was man sonst nur aus Flugzeugen, Fünf-Sterne-Hotels und Geschäftszentren kennt: dass jeden Tag überall auf der Welt dieselben Aktenkofferträger-Typen das Rad der Globalisierung am Laufen halten. Zielonys Portraitierte sind sozusagen die andere Seite, diejenigen, die ihre individuelle Persönlichkeit und ihr lokales kollektives Zugehörigkeitsgefühl über Adidas, Puma oder Nike definieren und identifizieren, und zwar völlig unabhängig von Längen- und Breitengrad, von regionalen Entwicklungen und nationalen Eigenarten.
Vor diesem Hintergrund lassen sich diejenigen, die stets am Abgrund zum Abschaum der Gesellschaft wandeln, sogar als Avantgarde begreifen. Zielonys Werke über die Zurückgebliebenen ermöglichen möglicherweise mehr Ausblicke auf die Zukunft als vermutet. Jedenfalls war Zielony nicht überrascht, als Proteste in England zu blutigen, brandschatzenden und plündernden Jugendkrawallen eskalierten. Das Potenzial für Gewalt und Unruhen sei bereits in seinen Bildern enthalten gewesen, stellt Zielony fest.
Den besonderen Reiz für Ausstellungsbesucher stellt Zielony durch eine Mischung aus dokumentierten Szenen, inszenierten Augenblicken, herausgelösten Portraits und dieses alles umgebender Architektur dar. Einerseits holt er die jungen Menschen aus ihrem Umfeld heraus, was schon durch die nächtliche Lichtführung erleichtert wird. Andererseits fügt er aber auch das Umfeld hinzu, so dass die Betonwüsten und die heruntergekommene Infrastruktur, die Abstell- und Nachladeeinrichtungen der Gesellschaft eine Beziehung zu denen herstellen, die darin und damit leben, ohne den Erwartungen der menschlichen Motoren dieser Welt zu entsprechen. Damit regt Zielony die Betrachter an, in ihren Köpfen eine eigene Story entstehen zu lassen, die sie sich bis zu einem gewissen Ausmaß auch mit den Portraitierten, ihrem Weg, ihrer Situation und ihren Perspektiven identifizieren lässt.
Wer mit Kamera in die Ecken der Gesellschaft hineinzuleuchten versucht, vor denen gewöhnlich fiktive, aber allseits spürbare „No-Go-Area“-Schilder aufgestellt sind, lebt der nicht per so gefährlich? Riskiert der nicht den Verlust von Gesundheit und Kamera? Zielony macht andere Erfahrungen. Zum Beispiel, dass die Gruppen und Gangs eher positiv darauf reagiert, dass sich endlich mal einer für sie interessiert, dass sie vom Rand der Gesellschaft in den Mittelpunkt des Interesses gerückt werden und sie sich so geben können und dabei verewigt und vervielfältigt werden, wie sie gesehen werden möchten. Zielony hält auch nichts davon, sich in das Vertrauen dieser Gruppen zu schleichen, sich ihnen anzubiedern, sich mit ihnen gemein zu machen, um dann irgendwann vermeintliche Realität festhalten zu können. Er nähert sich ihnen, sagt, dass er Fotograf sei und was er vor habe. Dann passt es schon in kurzer Zeit. Oder es passt nicht. Meistens passt es.
Nach diesem Muster ist er zu eindrucksvollen Serien unter anderem in Knowle West (Bristol), in den Plattenbauten von Halle-Neustadt, den Quartiers Nord von Marseille, dem polnischen Zgora, dem Süden von Los Angeles oder in einer Berliner Stricher-Szene gekommen, ist eingetaucht in die bedrohliche Atmosphäre des „kaputten“ kalifornischen Wüstenortes Trona, in die indianischen Gangs im kanadischen Winnipeg oder in die mafiaverseuchten Sozialbauviertel „Le Vele“ im Norden Neapels.
Bei zahlreichen Ausstellungen und Beteiligungen an Wettbewerben und Fotofestivals haben sich Zehntausende Besucher davon überzeugen können, dass die starken Aussagen der Nacht auch im 21. Jahrhundert noch aus dem analogen Farblabor kommen können. Oder gerade deswegen bei Zielony ihre besondere Wirkung entfalten.
|