|
|
Der am 27. März 1879 in Luxemburg geborene und am 25. März 1973 in West Redding (Connecticut, USA) gestorbene Edward Steichen (eigentlich: Edouard Jean Steichen) war einer der wichtigsten Pioniere der Mode- und Portraitfotografie des 20. Jahrhunderts. Seine schöpferische Hauptzeit lag in den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Aber auch als Galerist und Kurator unternahm Steichen weltweit beachtete Aktivitäten.
Im Alter von zwei Jahren kam Steichen mit seinen Eltern in die USA. Sein Vater fand zunächst in den Kupferminen von Michigan Arbeit, später ernährte die Mutter die Familie in Milwaukee durch Arbeit in einem Modegeschäft. Mit 15 nahm Steichen eine Ausbildung als Lithograf auf. In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts studierte er gleichermaßen Malerei und Fotografie – mit Betonung auf „gleich“. Beides erschien Steichen als gleichwertige künstlerische Tätigkeit.
Dies führte ihn zunächst in die Kreise der Piktorialisten, wie sie sich in der „Photo-Secession“ zusammen gefunden hatten. Sie betonten das relativ neue Medium der Fotografie als Kunstform, indem sie sich an impressionistischen Strömungen der Malerei orientierten. Sie wollten sich von einer puren Dokumentation der Wirklichkeit unterscheiden, indem sie bewusst Licht und Schatten, Schärfe und Unschärfe, Details und Ausschnitte oder die nachträgliche Beeinflussung von Negativ und Positiv als Stilmittel einsetzten, um den Anspruch der Fotografie als Kunstform zu unterstreichen. Bereits nach kurzer Zeit kam Steichen in Kontakt mit Alfred Stieglitz. Dieser erkannte das Talent Steichens und unterstrich dies, indem er drei Aufnahmen Steichens kaufte. Aus dem Kontakt mit Stieglitz entstand die erste auf Fotografie konzentrierte Galerie. Diese „Little Galleries“ wurde bekannt als „291“, benannt nach der Adresse an 291, Fifth Avenue, in New York. Steichen fungierte vor allem als Kontaktmann von Stieglitz in Frankreich. Im ersten Weltkrieg kam es zum Bruch zwischen den beiden. Historiker nehmen an, dass Steichen die Art von Stieglitz zuwider wurde, weil er dessen Engagement im „291“ und in einschlägigen Publikationen der Photo-Sezessionisten als Starkult um Stieglitz empfand. Er entfernte sich aber auch inhaltlich von seinem großen Förderer, indem er die Klarheit der Bildsprache und eine objektive Darstellung zu bevorzugen begann. Großen Einfluss darauf hatten sicherlich auch seine Erfahrungen beim Militär, wohin er sich 1917 freiwillig gemeldet hatte und wo er Chef der Luftbildfotografie für die amerikanischen Streitkräfte in Frankreich wurde.
Der große Durchbruch zum bestbezahlten Studiofotografen der Welt folgte mit der Berufung zum Cheffotografen des Verlagshauses Condé Nast, wo er ab 1923 vor allem für die einflussreichen Modemagagzine Vogue und Vanity Fair unter Vertrag stand. Er fand zu klaren Bildkompositionen, in denen Steichen nichts dem Zufall überließ und Produktionsabläufe ins Leben rief, die an Hollywoodproduktionen erinnerten. Steichen fotografierte nicht einfach nur eine Frau in einem neuen Kleid, er inszenierte den Menschen mit seiner Mode in einem Ambiente, das zusammen erst die perfekte Bildaussage ergab. So „verkaufte“ er Mode als Attribut einer Lebenseinstellung, komponierte den Menschen mit seinen Möbeln zu einer Aussage seiner gesellschaftlichen Stellung oder ließ avantgardistisch aus Körperformen und spärlichem Einsatz von Dekoration auch erotisch aufgeladene Spannungen entstehen. Viele Porträts weltbekannter Stars und Politiker entstanden in diesen Jahren. Sie alle ließ Steichen ganz bewusst genau so unter seinem Namen erscheinen wie sämtliche Modefotos, für die sich andere Fotografen jener Zeit lieber unter der Hand und anonym verpflichten ließen. Diesen Auftragsfotos setzte Steichen die Autorenfotos entgegen. Seine Überzeugung: „Wenn ich ein Foto mache, dann stehe ich auch mit meinem Namen dafür ein; andernfalls würde ich es nicht machen.“
Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete Steichen als Chef der fotografischen Dokumentation des Seekrieges. Das Buch „Von Pearl Harbor nach Tokyo Harbor“ zeugt davon ebenso wie seine neue Tätigkeit für das Museum of Modern Art(MOMA). Hierfür entwickelte er die Ausstellungen „Straße zum Sieg“ und „Power in the Pacific“. Vermutlich veranlassten auch seine Erlebnisse im Krieg Steichen dazu, das größte Projekt seines Lebens auf die Beine zu stellen: Die „Menschheitsfamilie“ („family of man“). In seiner neuen Eigenschaft als Direktor der fotografischen Abteilung des MOMA stellte er aus Hunderten von Vorlagen eine beispiellos dimensionierte Foto-Schau über Verbindungen der Menschen über alle nationalen oder rassischen Grenzen hinweg zusammen. Wiewohl Kritiker die Ausstellung als „naiv“ empfanden brach sie beim Publikumszuspruch alle Rekorde. In über drei Dutzend Ländern brachte sie es ab 1955 auf mehr als neun Millionen Besucher, die sehen wollten, wie Menschlichkeit über Hass und Zerstörung zu triumphieren vermag. Jahrzehntelang spielte diese Ausstellung nur noch in der Literatur eine Rolle, bis sie Mitte der 90er Jahre in Steichens Geburtsland Luxemburg im Schloss von Clervaux als Dauerausstellung verewigt wurde.
Steichens Werke waren die ersten, die auf Auktionen Millionen-Rekorderlöse erzielten. So verkaufte Sotheby's eine Steichen-Vergrößerung eines Mondlicht-Fotos aus dem Jahr 1904 gut ein Jahrhundert später für den Betrag von knapp drei Millionen Dollar. Sein Vermächtnis blieb: Die Fotografie sei ein hervorragendes Mittel, „dem Menschen den Menschen zu erklären“.
|