|
|
„Alice Springs“ entsteht als Pseudonym von June Newton, der Ehefrau des berühmten Mode- und Erotik-Fotografen Helmut Newton, im Jahr 1970. Wie sie selbst schildert, war Jean Seberg mit ihrem spanischen Freund Riccardo zu Besuch. Sie habe gerade erfahren, dass das damalige Männermagazin „Adam“ eine Bilderserie von ihr abdrucken wolle, die sie von tätowierten Matrosen auf einer Kopenhagener Werft geschossen hatte. Ihr Mann habe wissen wollen, unter welchem Namen sie diese Bilder veröffentlichen wolle. Sie habe keine Idee gehabt. Da habe sich Riccardo einen Atlas geben lassen, die Landkarte von Australien aufgeschlagen, June eine Nadel in die Hand gedrückt und gebeten, diese mit geschlossenen Augen irgendwo hin fallen zu lassen. Sie sei auf der Karte in Höhe der australischen Stadt Alice Springs aufgeschlagen. Und so habe sie sich Alice Springs genannt.
Es ist nicht Newtons erstes Pseudonym. Als Schauspielerin war sie zuvor in Australien unter dem Künstlernamen „June Brunell“ bekannt geworden, ihr Mädchenname lautete June Brown. Mit 24 Jahren traf die Schauspielerin in einem Melbourner Fotostudio 1947 den vor den Nazis aus Deutschland geflüchteten Helmut Newton. Ein Jahr später heiraten sie, 1956 halten sie sich für eine Zeit in London und Paris auf, kehren aber zunächst wieder nach Melbourne zurück. 1961 verlassen sie Australien endgültig, machen Paris zu ihrer neuen Heimat, bevor sich später ihr Lebensrhythmus vor allem zwischen Monte Carlo im Sommer und Kalifornien in den Wintermonaten einspielt.
Für June Newton bedeutet der Weg von Australien nach Europa das Ende ihrer Schauspielkarriere. Sie reist zwar noch einige Male für Fernsehsendungen und Theaterauftritte nach London, entscheidet sich aber vor allem wegen der Sprachprobleme in Frankreich, ihren Beruf an den Nagel zu hängen. Sie wächst stattdessen in die Rolle der Art Directorin für Bildbände und Ausstellungen ihres Mannes hinein. Dennoch spürt auch dieser, dass seiner Frau eine schöpferische Betätigung fehlt: Er schenkt ihr zu Weihnachten Leinwand, Farbe und Pinsel. Sie kauft sich Fachliteratur und beginnt tatsächlich mit der Hobbymalkunst.
Eine Grippe bringt sie 1970 auf einen anderen Weg. Weil ihr Mann krank im Bett liegt, entschließt sie sich, ausgestattet mit ein paar technischen Hinweisen zum Umgang mit der Kamera, zu dem geplanten Termin für eine Zigaretten-Werbung zu fahren. Sie hätte sich nicht gewundert, wenn die Session auch abgesagt worden wäre. Doch Model und Auftraggeber lassen sich darauf ein, dass June Newton die qualmende Werbebotschaft inszeniert – mit großem Erfolg. Auch im Folgenden konzentriert sie sich zunächst auf die Werbefotografie, bevor sie den spezifischen Portrait-Stil für sich entdeckt.
Sie entfernt sich dabei so weit wie möglich vom fotografischen Vorgehen des Gatten. Während dieser mit teils auch großem Aufwand die Bilder in seinem Kopf in der Wirklichkeit nachstellt und allenfalls in der Auseinandersetzung mit Licht, Models, Objekten und Umgebung intuitiven Ideen folgt, dabei aber selten den Bereich der Inszenierung verlässt, vermeidet Alice Springs alles, was mit Inszenierung zu tun hat. Wenn ihre Portraitierten es nicht anders gewohnt sind, sich in Pose zu setzen, nimmt sie dies genau so an, wie die Gelegenheit, fast private Anmutungen festzuhalten. Durch ihren Mann selbst Mitglied des internatonalen Jetsets, fällt es ihr nicht schwer, ihre eigene Sammlung des A und O aktueller Prominenz einzusammeln. Als Schauspielerin verfügt sie zudem über die Möglichkeit, ihren Portraitierten das vorzuspielen, was sie lockerer, persönlicher, vertrauensvoller in die Foto-Sitzungen hineingehen lässt. „Ich habe mich jeweils bemüht, nichts an meinem Gegenüber zu verändern und seine Gedanken von der Tatsache abzulenken, dass es sich vor einer Kamera befand,“ fasst Springs ihren Arbeitsansatz zusammen.
Die winterlichen Aufenthalte des Paares in Kalifornien ermöglichen es Alice Springs, viele Hollywood-Größen zu portraitieren und damit beeindruckenden Stoff für Ausstellungen und Bildbände zu liefern. Zuweilen wird auch Helmut Newton zufälliger oder absichtsvoll-ironischer Teil von Springs-Bildern, so wie Newton seine Frau in seinen Bilder vorder- und hintergründig, überraschend oder geplant eine Rolle spielen lässt. 1978 eröffnet Alice Springs ihre erste Einzelausstellung, 1983 veröffentlicht sie ihren ersten Bildband. Starke Beachtung findet das Gemeinschaftswerk des Fotografenpaares unter dem Titel „Us and Them“ im Jahr 1998.
Nach dem Tod Helmut Newtons eröffnete seine Frau 2004 das Museum für Fotografie unmittelbar neben dem Bahnhof Zoo in Berlin. Sie kuratiert seitdem Newton-Ausstellungen, präsentiert in benachbarten Räumen aber auch eigene Werke. Für sie bleibt die Arbeit ihres Mannes das Maß aller Dinge. „Helmut war eine Sache für sich und ziemlich einzigartig“, betont sie. Auch sechs Jahre nach seinem Tod widerspricht sie der Weisheit, dass Zeit alle Wunden heile. „Die Zeit hat meine geöffnet, und nichts kann sie heilen“, gibt sie im Jahr 2010 im FAZ-Interview zu Protokoll. Ihre Autobiografie erschien denn auch nicht unter dem Titel „Alice Springs“, sondern ganz bewusst mit dem Titel „Mrs. Newton“.
|