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Der 1882 in Unna geborene Berliner Fotojournalist ist als Flaneur des Berliner Alltags und Fotoreporter mit Humor im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wiederentdeckt worden. Dabei hatte sich der Westfale während eines Maschinenbaustudiums in Hagen von 1901 bis 1903 und dessen Fortsetzung an der Technischen Hochschule in Berlin 1904 und 1905 eigentlich entschieden, Bildhauer werden zu wollen. Der Erste Weltkrieg macht zunächst einen Strich durch diese Absicht. Seidenstücker war als Flugzeugkonstrukteur bei der Zeppelin-Bau-AG in Potsdam beschäftigt.
Die bereits vor dem Krieg begonnenen Studien zur Bildhauerei auch mit Hilfe von Fotografien, die er vor allem im Berliner Zoo anfertigt, will Seidenstücker nach Kriegsende professionalisieren, indem er in Berlin Bildhauerei studiert. Mit Studienreisen denkt er in sein neues Metier in München, Rom und Paris einsteigen zu können. Die Kamera ist immer dabei. Von 1923 an versucht er als unabhängiger Bildhauer in Berlin sein Glück und fotografiert „nebenbei“ – bis er darauf gestoßen wird, dass er mit der Bildhauerkunst weniger reüssieren kann als mit seiner Fotografie. Mehr und mehr geht er dazu über, die Streifzüge durch den Berliner Alltag nicht als Vorlagendokumentation für seine Bildhauerei zu begreifen, sondern die Fotografien selbst zu verkaufen. Denn Seidenstücker zeichnet ein besonderer Blick für die Originalität des Augenblicks aus. Symptomatisch dafür sind seine Zoo-Studien, die natürlich den Berliner Lieblingen unter den Tieren (wie etwa den Nilpferden „Tochter und Papa Knautschke“) gelten, aber nicht nur ihnen, sondern auch zugleich den Besuchern. Treffend daher der Titel einer Ausstellung in der Berlinischen Galerie zur Jahreswende 2011/2012: „Von Nilpferden und anderen Menschen“.
Die Hochphase seiner Kreativität erlebt Seidenstücker zu Beginn der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, als er einen festen Vertrag vom Ullstein-Verlag bekommt und dort nicht nur seine Zoobilder, sondern auch die mit besonderer Leidenschaft gefertigten Aktaufnahmen gut gebauter junger Berliner Frauen verkaufen kann. Seidenstücker-Aufnahmen erscheinen unter anderem in „Die Neue Linie“, „Berliner Illustrierte Zeitung“, „Die Dame“, „Der Querschnitt“, „Die Woche“. Prägend ist für seine Aufnahmen eine besondere Leichtigkeit, wie etwa die Bilder von Frauen, die ihren Optimismus durch den Sprung über eine Regenpfütze ausdrücken. „Momentknipser“ sagt Seidenstücker über sich selbst. Doch man kann annehmen, dass er diese Momente nicht nur zufällig mit der Kamera erwischte, sondern sie auch gezielt inszenierte und suchte. Jedenfalls verließ er auch in den folgenden Jahrzehnten seine Wohnung nie ohne seine Kamera, zunächst eine 9x-12-Taschenkamera, später unter anderem eine 9x9-Spiegelreflexkamera.
Während des Nationalsozialismus zieht sich Seidenstücker ins Private zurück, beschränkt sich vor allem auf seine Aktaufnahmen am heimischen Kachelofen, lässt zum Beispiel eine „Hexe“ auf seinem Kachelofen nackt mit einem Besen zwischen den Beinen posieren. Es ist seine private Antwort auf den Luftkrieg, der jahrelang über Berlin tobt.
Mit dem Kriegsende erobert sich Seidenstücker den öffentlichen Raum zurück – dessen deprimierende Zerstörung er mit seinem unerschütterlichen Optimismus auf faszinierende Weise interpretiert. Dabei ist er oft mit einer ironisierenden Interpretation unterwegs. Etwa die beiden Schutzpolizisten vor dem geräumten Schuttfeld, vor denen sich als einziges Objekt ihres Tatendrangs in der Ferne ein Reiterstandbild zeigt. Oder 1948 die gut sonnenbebrillten Zwillinge Hilde und Helga. Oder die originelle Perspektive auf zwei Turnerinnen, von denen nur noch die geöffneten Beine zu sehen sind - ein Andreaskreutz aus Mädchenbeinen. Gerade die zwischen 1945 und 1950 entstandenen Aufnahmen ergeben zusammen mit seinen Eindrücken von 1925 bis 1933 einen augenzwinkernden Blick auf den Alltag Berlins in ausschweifenden Jahren und Zeiten des Neubeginns in Trümmern.
Von der Öffentlichkeit bis auf eine Retrospektive zum 80. Geburtstag weitgehend vergessen, stirbt Seidenstücker 1966 in Berlin. Fünf Jahre später stoßen Mitarbeiter des Bildarchivs Preußischer Kulturbesitz auf seinen Nachlass bei einem Trödler. Für kleines Geld sichert sich die Institution die Dokumentation origineller Alltagsmomente. Vier Jahrzehnte später entdeckt die Öffentlichkeit Seidenstücker neu – und freut sich, über seine 14.000 überlieferten Fotografien Zugriff auf eine optimistische und humorvolle Sicht auf den Alltag im vergangenen Jahrhundert zu haben.
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