Jürgen Schadeberg

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1931

Berlin

Schwerpunkt:
Fotoreportage

 

 

 

 

Wenn einer mit 80 auf knapp 100 Einzelausstellungen zurückblickt, mit den Städten dieser Solo-Auftritte mehrmals um die Welt kommt, dann hat er sicher seinen Platz in den Büchern der Weltfotogeschichte gefunden. Allein die Ausstellungsorte, die mit „B“ anfangen, unterstreichen die herausragende Bedeutung des Berliner Altmeisters der Fotoreportage, Jürgen Schadeberg: Bloemfortein, Belfast, Bamako, Bangkok, Beijing, Budapest, Brüssel, Bochum, Belgrad, Basel, Berkley – und das ist nur das „B“. Viele weitere Buchstaben kommen hinzu, von Siegburg bis Salzburg, von Oslo bis Osnabrück, von Nantes bis New York: Jürgen Schadeberg ist global präsent.

Die Anfänge seines Talentes haben mit Todesangst, Krieg, Bomben und Vernichtung zu tun, zugleich aber auch mit dem trotzdem ungebrochenen Lebensmut: Man nimmt während der Luftangriffe auf Berlin ein paar Habseligkeit, ein wenig zu essen und zu trinken mit. Der Teenager Jürgen Schadeberg hat eine kleine Fotokamera dabei. Damit vertreibt er sich die Zeit des bangen Wartens und hält dabei unter meterdickem Beton fest, wie sich die Berliner nahe des Kudamms und des Zoologischen Gartens mit Musik Mut machen. Nach Kriegsende hospitiert er bei einem Fotografen, dessen Aufgabe es ist, in einem Hospital Krebsgeschwüre zu dokumentieren. „Vermutlich mein Einstieg in den Fotojournalismus“, hält Schadeberg im Nachhinein fest. Er bekommt ein Praktikum bei der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg, versucht aber erst gar nicht den Einstieg in das Zeitungsgeschäft in Deutschland. Ihn zieht es mit 19 schon weit weg: nach Südafrika.

Schadeberg kommt in ein Land des verhinderten Aufbruchs. Hochnäsige Weiße zementieren die Rassentrennung. Die Grenzen zwischen Macht, Rechtsextremismus und versprengtem Nazismus sind fließend. Schadeberg und seine Kamera sind in dieser Aufstellung nicht neutral. Er schließt sich der schnell zur sozialkritischen Stimme des schwarzen Kontinents entwickelnden „Drum“-Zeitungsredaktion an. Einen Job können die schwarzen Redakteure dem weißen Fotografen zunächst nicht bieten. Also beginnt er als freier Mitarbeiter. Aber er macht sich unersetzlich, arbeitet sich zum Chef-Fotograf, Bildredakteur und Art Director des Blattes hoch – als einer von zwei Weißen in einem von Schwarzen für Schwarze gemachten Medium.

Ein Bild aus der Redaktion der 50er Jahre zeigt die jungen Reporter und Redakteure in typischer Schreibpose jener Zeit. Hut, Trenchcoat, Krawatte, Zigarette, Schreibmaschine, alles betont lässig. Und doch fehlt auf diesem Bild das damals übliche, wie sich Schadeberg erinnert: Cola-Flaschen, die freilich heimlich gefüllt sind mit Brandy aus der nächsten Kneipe. Für die Schwarzen, denen Alkoholgenuss in der Öffentlichkeit verboten ist, ein Akt der Rebellion. Schadeberg verzichtet auf dieses Symbol des Protestes. Nicht jedoch auf ein anderes Ventil: die Musik.

Geradezu leidenschaftlich dokumentiert er die kraftvollen Wurzeln des südafrikanischen Jazz. Gesichter von Musikern, die legendär werden, hält Schadeberg in ihrer ursprünglichen Umgebung in den Kneipen, Bars und Clubs der schwarzen Untergrundkultur fest, portraitiert sie teilweise von frühester Jugend an im Laufe der Jahrzehnte immer wieder: Dollar Brand, Miriam Makeba, Hugh Masekela, Dolly Rathebe, Dorothy Masuka, Jonas Gwangwa, Kippie Moeketsie, ja auch Thandi Klaasen.

Schadebergs Fotografie trägt durch eindrucksvolle Einzelbilder und Fotogeschichten zu dem Ansehen des Blattes bei. Es entwickelt sich zur Institution. Und mit ihm Schadeberg, der eine ganze Garde talentierter junger schwarzer Fotografen anleitet und in die Rolle des „Vaters der südafrikanischen Fotografie“ hineinwächst. Er ist Zeitzeuge und seine Leica Geschichtsschreiberin einer düsteren und von furchtbaren Verbrechen geprägten Zeit des Apartheid-Staates. Wie sehr die Inanspruchnahme der bedrohten Pressefreiheit einem Ritt auf einem Rasiermesser gleicht, kommt im provokant-frechen Motto der Redaktion zum Ausdruck: „Schnell leben, jung sterben und als Leiche gut aussehen.“ Aber das Regime und gleichgesinnte Mörderbanden spaßen nicht. „Drum“ gerät immer mehr unter Druck. Und sein engster Reporter-Kollege Henry Nxumalo wird ermordet. 2004 setzt der Spielfilm „Drum – Wahrheit um jeden Preis“ ihm und seinem Wirken mit Schadeberg in jenen Jahren ein Denkmal. 1959 verlässt Schadeberg die Zeitung und arbeitet als freier Mitarbeiter in Südafrika, bis ihm die ständigen Bespitzelungen und Verfolgungen zu viel werden. Er wechselt 1964 nach Europa.

Seine Geburtsstadt Berlin wird in den 60ern zwar Ort verschiedentlicher Aufenthalte, aber nicht neue Heimat. Schon bei einer Kurzvisite 1961 ist ihm während des Mauerbaus die neblige Insellage seltsam fremd vorgekommen. Er lebt stattdessen vor allem in London, außerdem in Spanien, New York und Frankreich, arbeitet für verschiedene Magazine und übernimmt Lehraufträge in New York, London und Hamburg. 1985 kehrt er nach Südafrika zurück und wird erneut Zeuge einer spannenden Epoche: der Befreiung der Schwarzen von der Apartheid. Die filmische Dokumentation tritt an die Seite der Fotoreportage. Seine Frau Claudia ist seine Managerin und Produzentin. 1994 kann er auch ein persönliches Kapitel vervollständigen: Nelson Mandela posiert für ihn, der ihn schon in den 50er Jahren als junger Rechtsanwalt portraitierte, an den Gittern jener Zelle, in der er Jahrzehnte eingekerkert war. Jetzt ist er Präsident. Auch dieses Schadeberg-Bild wird zur Ikone, weltweit als Poster gedruckt. Eines davon hängt im Büro des FDP-Landtagsfraktionsvorsitzenden und späteren Vizekanzlers Philipp Rösler.

In den 70ern seines Lebens erlebt Schadeberg, wie sein auf rund 100.000 Negative angewachsenes Lebenswerk zum weltweit begehrten Stoff für Ausstellungen mit legendären Motiven wird. Seine Fotoreportagen erfüllen den Anspruch, die „Linse aufs Leben“ gerichtet zu haben, und das kontinuierlich über Jahrzehnte. Weil sich inzwischen auch Berlin neu definiert und ein völlig anderes Lebensgefühl verbreitet, wagt es Schadeberg mit 80 Jahren und kehrt zu den örtlichen Wurzeln seines Lebens zurück, wird erneut in Charlottenburg heimisch. Nicht verwunderlich, dass die Hauptstadt ihn gleich mit mehreren Solo-Ausstellungen willkommen heißt.

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Text: R.M./fotokunst-in.de