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Bettina Rheims, am 18. Dezember 1952 in Neuilly-sur-Seine bei Paris geboren, gehört zu den meist gebuchten und provozierendsten Fotografinnen. Eine nackte junge Frau macht auf einem schäbigen Billighotelbett erwartungsvoll die Beine breit, lässt sich so frontal von einer anderen Frau fotografieren, die dann anschließend behauptet, sie mache das, weil sie Feministin sei – krasser kann die Provokation kaum klar gemacht werden, die das fotografische Werk von Rheims für die Öffentlichkeit bedeutet. Insofern liegen gegensätzliche Wertungen auf der Hand. Während sich eine Meinung den Erklärungsmustern von Rheims anschließt und die Selbstbestimmtheit der Models auf den Bildern unterstreicht, die den Blick von Rheims als „niemals voyeuristisch“ anerkennt, sagt die andere Meinung, dass bei Rheims Bildern Voyeure voll auf ihre Kosten kommen.
Rheims verstärkt diese Widersprüche, indem sie in einzelnen Fotobänden auf dem Grad zwischen Lust und Begierde, sexuellen Botschaften und ausgelebten Trieben, Akt und Pornografie balanciert und sich beherzt in die schon fast gynäkologische Genitalität abgleiten lässt. Dabei lässt sich andererseits aber auch die Behauptung nicht widerlegen, dass Rheims – in frühen Jahren selbst als Model tätig – nichts fotografiert, was die Fotografierten nicht selbst wollten, ja dass sie in ihren Bildern Frauen so darstelle, wie sie sich in ihrer neuen Selbstsicherheit und mit ihren ganz bewusst erhaltenen Freiräumen der Verletzlichkeit gerne portraitiert sehen. Die Rheim'sche Frau ist insofern nicht mehr die aus dem tradierten Rollenbild der männlich bestimmten und beherrschten „Du willst es doch auch“-Vergewaltigungsphrase, sondern die aus einem selbstbewussten und selbstbestimmten Umgang mit der eigenen Sexualität, die mit geheimen Obsessionen eines „Rate was ich will“ spielt. Die intellektuelle Leistung, diesen Unterschied auf jedem einzelnen Bild bei jedem einzelnen Betrachter über die Wahrnehmung der Bilder im Kopf zu schieben, dürfte unterschiedlich schwer fallen. Was nicht zuletzt auch an den einzelnen Bildern liegt.
Rheims wächst nach ihren eigenen Worten als „Tochter bourgeoiser Eltern“ auf. Ihr Großvater war General der französischen Armee, ihr Vater ist Maurice Rheims, Schriftsteller und Mitglied der Academie Francaise, ihre Mutter die Deutsche Lili Krahmer. Bettina Rheims: „Ich war gut erzogen, ich bin auf die richtige Schule gegangen, wir haben die richtigen Sportarten gemacht, die richtigen Instrumente gespielt, alle diese langweiligen Sachen, ich habe es gehasst. Mit 13 bin ich weggelaufen und wurde von der Polizei aufgegriffen.“ Sie sei eine „Rebellin“ gewesen und habe danach gesucht, dass ihr jemand das Leben zeige. Rheims: „So bin ich bis heute.“
Erklärt sich daher auch ihre Neigung, mit Konventionen zu brechen? Glamour als Ambiente für scheinbar schockierende Unterleibsentblößung zu wählen oder weibliche Schönheit mit sorgfältig drappierten Elementen des Verfalls zu kontrastieren? Jedenfalls sind Rheims Werke inzwischen intensive Inszenierungen. Die wie zufällig die Gefühle des Betrachters auslösenden Posen sind bis ins kleinste Detail arrangiert. Dabei unterscheidet sich das Vorgehen von Rheims jedoch von ihrem ähnlich arbeitenden Vorbild Helmut Newton dadurch, dass dieser das Bild vorher in Skizzen durchplante und dann „absolvierte“, während sie Raum fürs Experimentieren und Improvisieren innerhalb der Szenerie lässt und die verschiedenen Wirkungen ausprobiert, bis „es“ konkret so ist, wie sie es sich diffus vorgestellt hatte. Als Mittzwanzigerin hat sie mit dem Fotografieren begonnen. Straßenfotografie stand am Anfang, Amateurstripperinen in Schwarz-Weiß, mit 27 folgt die Serie „Animal“, die bereits in Paris und New York ausgestellt wird. Zugleich kommen Aufträge aus der Mode- und Werbeindustrie, 1986 dann die Vorbereitungen für ihr erstes Buch „Bettina Rheims“.
Selbstbewusst wie ihre Sujets geht Rheims auch mit den Anfeindungen um. Die Kritik am Bildband „Chambre Close“ erklärt sie damit, dass „das Publikum und die Zeit noch nicht reif“ gewesen sei. Genau dafür gebe es aber Künstler. 30 Jahre später hat sich nach ihrem Empfinden viel geändert in den westlichen Gesellschaften. „Wir Frauen leben heute in großartigen Zeiten“, die Feministinnen hätten diesen Raum geöffnet. Es gebe zwar noch viel zu tun, aber „so gut wie heute war es noch nie“.
Die euphorische Grundstimmung erklärt sich auch durch ökonomische Erfolge. Rheims ist in der Werbung viel gefragte Starfotografin, auch wenn sie mitunter bedauert, dass Kosmetik-Kampagnen alle Bilder Millimeter für Millimeter nachbearbeiten, glätten und „lebloser“ machen. Aber völlig natürlich fotografiert auch sie nicht. Sie zeigt viel Haut, und in einer Serie („Heroines“) waren die Models alles andere als makellos. Venen traten hervor, auch Wäscheabdrücke fielen auf. Aber auch das war Teil der Inszenierung, um die Phantasie des Betrachters zu beschäftigen.
Neben den gebuchten Models fotografiert Rheims auch viele Berühmtheiten. Von Madonna bis Sharon Stone, von Monica Belucci bis Caterine Deneuve, von Reese Witherspoon bis Claudia Schiffer. Die Frauen wissen um die Inszenierungen und lassen sich ebenfalls auf provokante Posen ein. Männerportraits sind bei Rheims die Ausnahme. Doch sowohl Jaques Chirac als auch Nicolas Sarkozy bestanden darauf, von der Trägerin des Pariser Grand Prix de la Photographie offiziell portraitieren zu lassen. Chirac ernannte sie zum Offizier der Ehrenlegion. Rheims: „Man könnte sagen, ich fotografiere Frauen und Präsidenten.“
Die anderen Auftragsarbeiten füllten Hunderte von Titelbildern und Illustrierten-Fotostrecken. Auch auf außergewöhnliche Formate lässt sich Rheims ein. So übernahm sie das Angebot des russischen Medienzaren Sergej Rodionow, seine Frau Olga in aufreizenden Posen für die Ewigkeit festzuhalten. Heraus kam das „Book of Olga“, das in 1000er Auflage einzeln signiert für 350 Euro pro Exemplar seine Fans fand. Über allem steht die Überzeugung nicht die Realität selbst abbilden sondern eine eigene Realität schaffen zu wollen. Besonders ausgeprägt war dies in der Serie „I.N.R.I.“, die für Christen eine beispiellose Provokation darstellte, da Rheims Szenen der Passion neu interpretierte und etwa für die Kreuzigung eine junge Frau mit entblößtem Busen wählte. In dem provozierenden Spiel zwischen Scheinrealität und Illusion, inszenierter Lust und Appell an den Betrachter, seine eigenen Gefühle zu entdecken, indem Rheims ihm die Vorlage liefert, sie frei laufen zu lassen, siedelt Rheims ihre Aufnahmen unter dem beziehungsreichen Titel, der über eine ihrer jüngsten Ausstellungen hinausweist: „Can you find hapiness?“ Privat versucht sie ihr Glück in der inzwischen vierten Ehe zu finden.
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