Robert Polidori

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1951

Montreal

 

Schwerpunkt:
Spurenfotografie
Architekturfotografie

 

 

 

 

 

Robert Polidori gehört zu der großen Gruppe von Fotokunst-Autodidakten, die es zu Weltruhm gebracht haben. Rund um den Globus ist der 1951 in Montreal geborene Polidori als grandioser Architekturfotograf bekannt. Aber diese Bezeichnung ist ihm zu oberflächlich, sie kann tatsächlich nicht erfassen, was das Besondere seiner Werke ist. Denn in Wirklichkeit bilden sie nicht die äußere Ästhetik ab. Sie entlarven Größenwahn, kritisieren Egozentrik und sind zugleich auch immer erfolgreiche Spurensuche: Sie dokumentieren, was vor der Aufnahme war und geben eine mehr oder deutliche Prognose über das, was danach sein kann.

Was Polidori macht, macht er gründlich. Seine Annährung an seine Objekte geschieht über Stunden und Tage, ist verbunden mit eben so langer Suche nach dem besten Blickwinkel wie nach dem optimalen Licht. Polidori verzichtet auf Blitzlicht. Er lässt mit Hilfe des Stativs das natürliche Licht die Konturen herausarbeiten, die er in bei Bedarf minutenlanger Belichtungszeit mit seiner Großbildkamera einfängt. Dafür ist er auch schon mal um halb fünf Uhr morgens unterwegs. Oder auch mitten in der Nacht. Auch Weitwinkelperspektiven gehören gewöhnlich nicht zu Polidoris Art, die Wirklichkeit zu erfassen.

Diese Beschreibung der Aufnahme-Umstände spiegelt die innere Einstellung wieder, die Polidori philosophisch zu untermauern vermag. Er beruft sich dabei auf die antike Herrenium-Rhetorik genau so wie auf die spirituelle Schule des Pythagoras. Beide weisen den Weg zur Erfassung von Räumen, die mehrdimensional in die Tiefe der Wahrnehmung vordringen. Der Raum wird auch nach Polidoris Überzeugung dabei zu einer Metapher für den Zustand des Seins. Dieses ist wiederum bestimmt von der Entwicklung, die anhand scheinbarer Nebensächlichkeiten und Kombinationsprozesse, die im Kopf des Betrachters ausgelöst werden, detektivisch aufgedeckt werden. „Fabrikneue Räum haben nur grafische Qualitäten“, stellt Polidori fest. Sie haben keine „Seele“.

Und noch eine wichtige Erkenntnis liegt den Werken Polidoris zugrunde: Die Spurensuche in der Architektur gelingt nur dem Foto, weil es beim Betrachten immer neue Details und Zusammenhänge erkennen lässt. Der flüchtige Film erfasst hingegen bestenfalls oberflächliche Anmutungen. Bis Polidori so weit war, musste er ebenfalls ein paar Umwege nehmen. Nach einem Kunststudium am Antioch-College in Ohio zog es ihn 1969 nach New York zum Experimentalfilm. Nach mehreren Anläufen und auch einem Filmstudium in Buffalo im Bundesstaat New York blieb der Durchbruch jedoch aus. Frustriert reiste Polidori nach Paris, wo ihm nach eigener Darstellung klar wurde, dass er es mit der Fotografie versuchen sollte.

Systematisch ging er daran, Bilder, die ihm gut gefielen, mit den eigenen Aufnahmen zu vergleichen, um herauszufinden, worin das Geheimnis guter Fotos liege. Er entwickelte die oft zitierte und von ihm immer wieder in verschiedenen Varianten verwendete Vermutung, dass das Ausrichten einer Kamera als Frage verstanden werden könne, auf die das Bild den Schlüssel für die Antwort liefere. Und er arbeitete weiter an der Metapher der antiken Rhetorik und setzte sich mit der Wahrnehmung verborgener Inhalte scheinbar leerer oder nichtssagender Räume wieder und wieder auseinander und verglich sie auch mit dem Wesen einer Kamera, die ebenfalls einen Raum darstelle – mit der Linse als Fenster. „Im Italienischen heißt ,camera‘ auch Raum“, betont Polidori in diesem Zusammenhang.

In diesem Raum fing er Architektur auf der ganzen Welt ein. Er fotografiert für Vanity Fair, Newsweek, Wallpaper, Condé Nast Traveller, The New Yorker, Geo und weitere Magazine von Weltrang, die sich auch über herausragende Fotostrecken definieren. Seine Fotoreportagen zeugen vom Wachsen und Vergehen menschlicher Behausungen, legen Gigantomanismus ebenso frei wie architektonische Egomanie. Ob die ärmlichen, zerbrechlich aber warm wirkenden Arbeiterbehausungen vor den kalten, mechanischen und unpersönlichen Fassaden von Wolkenkratzerwelten Asiens, ob das Wolkennaturschauspiel über der Künstlichkeit Brasilias, ob die Spiegelungen des Herbstes im Central Park in den zeitlosen Fensterschluchten New Yorks – stets versucht Polidori auch die Widersprüche aufs Bild zu bekommen, die für ihn jeder Ort aufweist.

Und die zeitlichen Dimensionen, die in jedem Augenblick stecken. Besonders deutlich wird das in seinen Aufnahmen, die er während einer Restaurierungs- und Renovierungsphase in den Fluren und Gemächern und Sälen von Schloss Versailles anfertigen konnte. Polidori verstand die Arbeit der Restauratoren als eine Art „historischen Revisionismus“, denn darin kam nach seiner Einschätzung ein temporäres Paradoxon zum Ausdruck: „Es bedeutet, etwas Altes wieder neu zu machen.“ Seine Bilder blicken auf mehrere Zeitschichten gleichzeitig, denn Ludwig XIV. habe selbst in einer Baustelle gelebt, weil er viele Zimmer immer wieder verändern ließ, auch seine Nachfolger hätten einiges hinzugefügt. Je nachdem, welchen Zustand die heutige Generation mit modernen Mitteln wiederherstellen wolle, komme darin auch wieder etwas über die aktuelle Einstellung und Sicht auf die Welt zum Ausdruck, hielt Polidori fest und konnte nicht übersehen, wie sich ein modernes Kofferradio mitten im 18. Jahrhundert macht.

Bis auf wenige Ausnahmen, etwa Menschen in Beziehung zu ihren Behausungen in Indien, sind kaum Personen auf Polidoris Werken zu sehen. Vielleicht kann sich der Betrachter deshalb umso intensiver mit dem menschlichen Leben auseinandersetzen und dem, was von ihm bleibt. Die verfallene Pracht in 50er-Jahre-Gebäuden auf Kuba lädt zu einem innerlichen Zeitsprung ein. Zu einer großen Herausforderung wurde eine Bilderserie bereits aus den Anfangsjahren von Polidoris Fotokunst: In Paris stellte er Bilder aus von Zimmern und Appartements aus New York, die bei aller Verschiedenheit eines gemeinsam hatten: In den Räumen waren kurz zuvor deren Bewohner gestorben. Es ist wie der Versuch, das Leben der Verstorbenen nachträglich anhand ihrer intimsten Lebensumgebung zu portraitierten. Etwa nach dem Motto: „Wenn ich fotografiere, wie du gewohnt hast, zeigen die Bilder, wer du warst.“

Die Auseinandersetzung mit den Grenzen von Leben und Tod ließ Polidori seitdem nicht mehr los. Sie bildete den Untergrund für einige der ausdrucksstärksten Dokumentationen von Ereignissen, die die Welt erschütterten. So Polidoris Ausflug in die radioaktiv verseuchte Sperrzone von Tschernobyl und Pripjat. Die Bilder zeigen den Tag der Atomkatastrophe in einem völlig normalen Alltag eines Tages im Jahr 1986, ihren allmählichen Verfall, die schleichende und akute Bedrohung der Radioaktivität, knüpfen zugleich aber auch Verbindungen zur Unendlichkeit. Belichtungszeit und Halbwertzeit stellen hier einen größtmöglichen Kontrast dar, der die Vorstellungswelt menschlicher Zeitwahrnehmung übersteigt.

Zu den preisgekrönten Arbeiten gehören auch die „Nach-der-Flut“-Aufnahmen in dem von der Überschwemmungskatastrophe getroffenen New Orleans. Zerstörungen durch Wind seien eine Sache, meint Polidori, aber Zerstörungen durch Wasser ließen nur noch Dinge aus Metall oder Keramik übrig. Alles andere sei verloren. Für Polidori werden die Bilder zu einem einzigen Klagelied über die Auswirkungen von Wasserkraft – und letztlich, so lässt sich hinzufügen, auch der Folgen des Klimawandels. So sind Polidoris Aufnahmen eine aufregende und erfolgreiche Spurensuche nach Vergangenem, die uns viel über die Zukunft verraten. Polidori nennt das die „Wissensdividende eines Fotos“.

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Text: R.M./fotokunst-in.de