Irving Penn

*

1917

Plainfield

Schwerpunkt:
Mode
Portrais
Stillleben

+

2009

New York

 

Der am 16. Juni 1917 in Plainfield (New Jersey) geborene und am 7. Oktober 2009 in New York gestorbene amerikanische Fotokünstler Irving Penn hat vor allem in den 40er und 50er Jahren des 20. Jahrhunderts bleibende Werke der internationalen Fotografie geschaffen. Er war in seinen Mode- und Portraitfotos, später auch in seinen Stilleben der Prototyp eines Perfektionist, der möglichst nichts dem Zufall überließ, sondern seine Aufnahmen minutiös durchkomponierte. Das schloss zuweilen auch geplante Spontaneität ein: wie etwa bei Igor Strawinsky. Den fragenden Blick und die Hand am Ohr soll Penn provoziert haben, indem er im entscheidenden Aufnahme-Moment angeblich betont leise sprach.

Die Meinungen gehen auseinander in der Bewertung seines Werkes. Bildet das Oeuvre des bis ins hohe Alter tätigen Penn eine „stählerne Einheit“ oder lassen sich die über 150 stilbildenden Titelfotos für die „Vogue“, seine dokumentarischen Serien von Hippies bis zu Schlammmenschen aus Neu-Guinea, die Müllstudien in den Schluchten Manhattans, die Werbe-Auftragsarbeiten und nicht zuletzt die Portraits seines 70jährigen Schaffens kaum miteinander vergleichen?

Geboren als Sohn eines Uhrmachers und einer Krankenschwester, zog es Penn schon früh in die Richtung des künstlerischen Gestaltens. Er absolvierte ein Zeichnen- und Designstudium an der Museum School of Industrial Art in Philadelphia, unternahm beim Harper's Bazar als Assistent erste Grafik-Gehversuche, wandte sich dann malend aber zuerst Mexiko zu. Dort kam er offenbar zu dem Schluss, dass sein künstlerisches Talent mit Stift und Pinsel seinen eigenen perfektionistischen Ansprüchen aber nicht entsprach. Das professionelle Design brachte ihn 1943 zur Vogue, und nach fotografischen Tätigkeiten für das amerikanische Militär während des Weltkrieges unter anderem in Indien und Italien, machte ihn sein radikaler wie phantasievoller Stil sehr schnell berühmt.

Eine der von ihm geschaffenen „Ikonen“, das Portrait von Pablo Picasso, unterstreicht diese Radikalität. Er konzentriert sich auf die Dynamik, die in Picassos linkem Auge steckt, lässt das rechte völlig im Schatten verschwinden und deckt weite Teile des Charakterkopfes auch noch mit Hut und Mantelkragen ab. Bis ins hohe Alter experimentiert Penn mit der Konzentration auf das absolut Wesentliche, auf die Spitze getrieben bei einem Portrait von Saul Steinberg, dem Zeichner: Ende der 70er Jahre lässt Penn das Gesicht Steinbergs vollständig hinter einem Papierblatt verschwinden, ermöglicht durch eine Wölbung die Andeutung einer Nase und gibt ansonsten nur den Augen durch aufgerissene kleine Löcher Gelegenheit, Kontakt mit dem Betrachter aufzunehmen. Auch das ein „Klassiker“.

Eigenwillig und durchsetzungsstark die Reihe von Penn, in der er die Portraitierten buchstäblich in die Enge treibt, sie zwischen zwei spitz zulaufende Wände platziert, aus denen es kein anderes Entkommen als den Weg durch die Kamera des Fotografen mehr gibt. Keine Ablenkung, keine Ausflucht – diese Botschaft steht in vielen Kompositionen, die mit spärlichsten bis vollständig fehlenden Requisiten auskommen. In seinen ethnografischen Studien ab den 60er Jahren bedient er sich ebenfalls des Mittels der Reduktion, zieht die besuchten Bewohner in Afrika in sein transportables Atelier und holt sie damit aus ihrer eigenen ablenkenden Umgebung heraus. Radikalität auch in der Finalität der einzelnen Fotografie: Penn entdeckt für sich den kostbaren Platindruck, der auch noch jede kleinste Nuance detailgetreu wiedergibt, seinen überzeugenden Umgang mit der Führung von Licht und Schatten hin zu einfachen grafischen Grundmustern in jeder Aufnahme dokumentiert.

So sind denn Penn-Fans bereit, auch größere Summen für seine Originalaufnahmen zu zahlen. Ein Bild aus der 1948 entstandenen Reihe „Christmas at Cuzco“ wechselte 2007 bei einer Versteigerung für mehr als eine halbe Million Dollar den Besitzer.

Kleidung und Menschen pointiert zu faszinierenden Aussagen zu kombinieren, dieses Talent machte Penn früh berühmt. Bereits 1958 war sein Name auf einer Liste der zehn größten Fotografen der Welt aufgeführt. Wie er der Welt erst mit Jahrzehnten Verspätung vor Augen führte, hatte sich Penn aber schon seit den 40er Jahren auch mit dem Thema Akt befasst und hier gegen die spätere von Penns Nachfolgern bevorzugten Hungerhaken-Erotik-Versuche aus der Model-Welt rechtzeitig den Kurven des nackten Körpers mehr als ein Denkmal gesetzt. Auch diese Akte zeigen Penns herausragendes Empfinden für Formen und Licht, für die Aussagekraft eines Torsos, die Ästhetik des Details.

Es versteht sich, dass Penn auch der Frau seines Lebens ein fotografisches Denkmal setzte. 42 Jahre, bis zu ihrem Tod im Jahr 1992, war er mit dem Model Lisa Fonssagrives verheiratet. Sie war sein Lieblingsmodell, und mit ihr war ihm bereits 1950 eine andere Ikone der internationalen Fotografie gelungen: Sie im Harlekinsmuster-Kleid, die schwarzen Vierecke in ihrer Formstrenge durch die Bewegung rund um den Körper aufgelöst, kontrastrierend zum dreieckigen Hut, dessen Form sich wiederum im Halsausschnitt wiederfindet, dort wiederum abgemildert durch Perlenketten, und alles gänzlich aufgeladen durch den lasziven Blick und die lässig zum Haupt geführte brennende Zigarette. Ein Frauenbild, wie es für die frühen 50er Jahre durchaus visionär gelten muss.

Viele Portraits von Penn haben Kultstatus erlangt. Vor seiner Kamera gaben viele Vieles preis: Unter anderem Francis Bacon, Ingmar Bergmann, John Cage, Truman Capote, Henri Cartier-Bresson, Miles Davis, Marlene Dietrich, Marcel Duchamp, Duke Ellington, George Grosz, Alfred Hitchcock, Georgia O'Keefe, Kate Moss, Pablo Picasso, Igor Strawinsky, Gloria Swanson, Spencer Tracy – und sehr, sehr selten auch er selbst. Im Profil, milde lächelnd, den Blick auf das Wesentliche und die klare Lichtführung betonend, bleibt er der Nachwelt erhalten. Einer der ganz Großen der Fotokunst starb im Herbst 2009 92-jährig in New York.

Text: R.M./fotokunst-in.de