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Helmut Newton, am 31. Oktober 1920 in Berlin geboren und am 23. Januar 2004 in Los Angeles gestorben, hat in der Welt der Bilder eine breite Spur hinterlassen. Als „Gigant“ bezeichnete ihn Playboy-Gründer Hugh Hefner. Newton habe ganze Generationen von Fotografen beeinflusst. Auf den bekanntesten seiner Bilder tragen die Frauen nicht viel mehr als Stöckelschuhe. So in der Reihe „big nudes“, die lange vor Newtons plötzlichem Verkehrsunfalltod Kultstatus erreicht hatte.
Geboren als Helmut Neustädter, wuchs er in den Goldenen Zwanzigern als Sohn eines wohlhabenden Knopffabrikanten auf. In einem im Alter entstandenen Portraitfilm schilderte er seine Kindheit in Wilmersdorf, als er täglich mit der Gouvernante in den Stadtpark musste – und damals schon Augen für die schönen, jungen, sonnenbadenden Berlinerinnen gehabt habe. Als Heranwachsender bekam er im Strandbad Halensee Hausverbot, weil er unter Wasser ein Mädchen ausgezogen hatte. Aber auch die Leidenschaft für das Fotografieren war bei ihm von Kindsbeinen an ausgeprägt. Mit zwölf kaufte er sich von seinem Taschengeld eine Zeiss Box Tengor inklusive Filmrolle. Gerne erinnerte sich Newton daran, wie er nachts in die U-Bahn stieg und Bilder vom nächtlichen Berlin machen wollte. Von acht Aufnahmen waren sieben absolut schwarz, auf einer war der Funkturm zu sehen. Newton: „Ich fand mich brillant.“
Mit 15 eröffnete er seinem Vater, Fotograf werden zu wollen. Er werde damit in der Gosse enden, habe sein Vater ihm gesagt, und dann hinzugefügt, er habe ja ohnehin nur Fotografieren und Mädchen im Kopf. Mädchen und Schwimmen (trotz des Verbotes für Juden, öffentliche Schwimmbäder zu nutzen) waren für ihn wichtiger als ein Schulabschluss. Aber das Fotografieren wollte er von der Pike auf erlernen. Er wurde Lehrling bei der Fotografenmeisterin Yva (Else Neuländer), die später von den Nazis verschleppt und vermutlich 1942 im Konzentrationslager Majdanek ermordet wurde. In ihrem Fotostudio lernte Newton, wie man Negative retuschiert, das Studio richtig ausleuchtet und mit Belichtungszeiten umgeht. Dort habe er gelernt, „das Material zu respektieren“ - für den Altmeister ein großer Kontrast zu den motorgetriebenen Massenauslösern Jahrzehnte später.
Nach der „Kristallnacht“ kehrte Helmut Neustädter Deutschland den Rücken. Er erinnerte sich mit besonderer Faszination, wie er im Jahr 2000 großflächige Werbeplakate für seine damalige Ausstellung am Bahnhof Zoo genau über dem Gleis sah, über das er im Nationalsozialismus das Land verlassen hatte. Eines der letzten Bauwerke, das er am 5. Dezember 1938 von seiner Geburtsstadt sah, war im Übrigen das ehemalige Landwehrkasino an der Rückseite des Bahnhofs Zoo, in dem heute die Helmut-Newton-Stiftung mit ständigen und wechselnden Ausstellungen die Erinnerung an den Großen seines Faches wach hält.
Frauen und Sex bildeten auch auf der Flucht wichtige Fixpunkte. In seinen Memoiren brachte er es auf den Punkt: „Ich vögelte mich durchs Mittelmeer. Ich hielt mich an die verheirateten Frauen um die 30.“ Er wollte sich in China in Sicherheit bringen und wählte zunächst den Zug nach Triest und dann den italienischen Dampfer Conte Rosso. Er sei damals aber nicht bis China gekommen, sondern zunächst in Singapur an Land gegangen, erinnert er sich. Sein erster Versuch, sich mit der Fotografie seinen Lebensunterhalt zu verdienen, scheiterte kläglich. Er sei „so schlecht“ gewesen, dass man ihn nach zwei Wochen aus der Zeitung herausgeworfen habe. „Ich war zu langsam – wenn ich die Kamera fertig hatte, war das Ereignis vorbei“, berichtete er schmunzelnd.
Ein Jahr lang habe er sich dann von einer Geschäftsfrau aushalten lassen. „Ich drohte in der Gosse zu verhungern und aß Abfälle. Josette hat mich gerettet. Dafür wurde ich ihr Gigolo, ein berufsmäßiger Rammler, der ein Jahr lang jeden Tag mit ihr schlief.“ Aber nach einem Jahr habe es ihm zum Hals herausgehangen, mit 19 Jahren ständig mit einer Frau zusammen zu sein, die fast doppelt so alt gewesen sei wie er. Seine Reaktion: „Ich ging nach Australien und wurde Soldat.“
In Australien betätigte er sich zunächst als Fahrer für die Armee und eröffnete 1945 ein eigenes kleines Fotostudio in Melbourne. Er übernahm all die vielen „klassischen“ Aufträge, die sich um Hochzeiten, Einschulungen, Passbilder und Portraits drehen – und lernte die Schauspielerin June Browne („Brunnell“) kennen, die er 1948 heiratete. Inzwischen hatte er den Nachnamen Neustädter in Newton ändern lassen und die australische Staatsbürgerschaft angenommen. Unter dem Namen Alice Springs wurde seine Frau später ebenfalls zu einer anerkannten Fotografin von Weltrang. Sie wurde für ihn zudem Muse, Model und Managerin. „Viel Liebe“ stecke in den Aufnahmen, die Helmut von ihr gemacht habe, lautet Junes Zusammenfassung. Aber auch umgekehrt sind nicht nur Schnappschüsse wie die von Helmut in Stöckelschuhen erhalten.
In Australien gab es die ersten Kontakte zur Modeszene, unter anderem über die Zusammenarbeit mit der australischen Vogue, die zu seinem Haupteinkommen wurde. Ende der 50er wechselt Newton nach England und versucht für die englische Vogue zu arbeiten. In seinem eigenen Urteil waren seine Bilder jedoch „saumäßig schlecht“, und von heute auf morgen entschließt er sich, mit seiner Frau uns seinem weißen Porsche nach Paris zu gehen. „Das war alles, wovon ich geträumt habe“. Alles habe auf Anhieb geklappt, und seine Fotos waren, so Newton, nun „ganz gut“. Er wurde einer der Schrittmacher der Modefotografie, blieb 23 Jahre lang bei der französischen Vogue und erlebte in diesem Genre „die aufregendsten Jahre“.
Mehr und mehr zog Newton die Frauen aus. Bezeichnend ist eine von ihm besonders geschätzte Serie, in der es um Herrenmode ging. Er selbst war das Model und fotografierte nackte Frauen mit sich selbst in Kleidung im Spiegel – und seiner Frau, die kritisch zuschaut. Frauen als Sexobjekte. Wenige haben unter dieser Überschrift so sorgfältig inszeniert, die Körper vorwiegend in Modelmaßen derart makellos überarbeitet posieren lassen wie er. Nicht von ungefähr kam es deshalb zu einer intensiven Zusammenarbeit mit dem Playboy. Den Umgang mit seinen Models verglich Newton mit dem Umgang des Landwirtes mit seinen Kartoffeln. Ein anderer Vergleich von Newton war der mit seinem Spielzeug. Das habe er nach 48 Stunden kaputt gehabt oder in den Schrank gelegt und dann ein neues haben wollen. Insofern atmen auch die typischen Newton-Akte keine individuelle Persönlichkeit. Sie zeigen Frauen in sexuell „perfekten“ Maßen, die selbstbewusst mit ihrem Körper umgehen, jedoch über die Ausstrahlung von Schaufensterpuppen in perfekten Modelmaßen und selbstbewusstem Posieren in der Öffentlichkeit verfügen. Von den intimen Nacktaufnahmen seiner Frau und Schnappschüssen am Set abgesehen.
Ein besonderes Gespür hatte Newton nicht nur für den individuellen Aufbau des Bildes, sondern für die richtige „Location“. Er selbst zitierte gerne einen Freund mit der Umschreibung, wenn Newton ruhelos umherirre, um den richtigen Ort für seine Aufnahmen zu finden, dann sei „Helmut wie ein Hund, der einen Ort zum Pinkeln sucht“. Die Fotografin Bettina Rheims beschrieb die Art, wie Newton fotografierte: „Er hatte ein großartiges Auge und wusste immer genau, wie ein Bild aussehen soll. Erst machte er Zeichnungen in seinen kleinen schwarzen Büchern, dann drückte er fünfmal auf den Auslöser und hatte es.“ Newton habe Rheims von der Schwarz-Weiß- zur Farbfotografie gebracht: „Willst du eine Fotografin sein? Dann nimm Farbe“, habe er ihr gesagt. Originellerweise wurden die „big nudes“ zu Ikonen des Newton'schen Werkes überlebensgroße stehende Akte, und alle in klassischem Schwarz-Weiß.
Ein herausragendes Zeugnis Newton'scher Fotokunst ist in dem beispiellosen Buch „Sumo“ versammelt. 394 seiner besten Aufnahme im Format von 120 mal 30 mal 15 Zentimetern, über 30 Kilo schwer, für das ein spezielles Pult entwickelt wurde. Bei einer Versteigerung brachte ein signiertes Exemplar über 300.000 Euro ein. Newton zur Verwirklichung der Idee des Verlegers Benedikt Taschen: „Das war ein Abenteuer – aber ich liebe Abenteuer.“
Ende 2003 gründete Newton die Helmut-Newton-Stiftung mit Sitz in Zürich. Zweck ist „die Wahrung, der Schutz und die Präsentation des fotografischen Werkes von Helmut und June Newton“. Bei der Gründung übertrug Newton eine große Anzahl von Fotopositiven, die den wesentlichen Bestandteil seines künstlerischen Schaffens darstellen, in den Besitz der Stiftung. Mit der Stiftung preußischer Kulturbesitz schloss die Stiftung den Vertrag, dauerhaft das Erdgeschoss und den ersten Stock des ehemaligen Landwehrkasinos in Berlin-Charlottenburg für Ausstellungen nutzen zu können. Das Konzept sieht kein „totes Museum“ sondern eine „lebendige Institution“ mit wechselnden Ausstellungen vor, in deren Rahmen auch andere Künstler mit dem Werk Newtons in Dialog treten sollen.
Zurückblickend räumte Newton ein, dass er seine Seele verkauft habe „wie eine Hure“. Er habe das Geld gebraucht. Um so schöner sei es, wenn man etwas „fuck you money“ auf der Bank habe und deshalb zu Projekten sagen könne: „Ich mache es nicht.“
Über den Tod wollte Newton nicht nachdenken. Er könne ohnehin nichts daran ändern. „Wenn er kommt, dann kommt er.“ Er kam in der Nacht vom 23. auf den 24. Januar 2004 nach einem Verkehrsunfall in Los Angeles, wo die Newtons im Wechsel mit Monaco die Wintermonate verbrachten.
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