Konrad R. Müller

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1940

Berlin

   

Schwerpunkt:
Portraits
Stillleben
Landschaft

 

       

 

Der 1940 in Berlin geborene Fotojournalist Konrad R. Müller scheint einen dritten Vornamen zu haben: „Kanzlerfotograf“. Lange Jahre behagte es ihm erkennbar nicht, auf die Portraits der deutschen Regierungschefs reduziert zu werden, schließlich drehten sich seine Bilder überwiegend um ambitionierte Fotoreportagen. Auch künstlerische Landschaftsaufnahmen und überzeugende Stilleben gehören zu seinem Oeuvre. Doch inzwischen scheint er sich mit dem Label „Kanzlerfotograf“ abgefunden zu haben, verleiht es ihm doch ein weltweites Alleinstellungsmerkmal: Er ist der Einzige, der sie alle gehabt hat: Konrad Adenauer, Ludwig Erhardt, Kurt Georg Kiesinger, Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel. Alle acht. Und alle acht Gesichter brachte Müller auf seinen großformatigen Schwarzweiß-Portraits zum Sprechen. Weit über das hinaus, was die in ihren Amtszeiten sicher meistfotografierten und meistbetrachteten Menschen an Wahrnehmungen gewohnheitsgemäß zu vermitteln schienen. Das lässt die besondere Art Müllers deutlich werden: Lange und intensiv zu studieren, in den Gesichtern zu „lesen“, sie neu zu entdecken und dann im entscheidenden Augenblick, in dem das Licht auf den Falten diese Entdeckung offenbar werden lässt, abzudrücken.

Lange war das „R.“ sein Markenzeichen. Konrad R. Müller. Für Konrad Reinhard Müller. Inzwischen wird er überwiegend unter dem Namen Konrad Rufus Müller wahrgenommen. Oder als „Konny“. Streng genommen hat Müller „nur“ sieben Kanzler im Amt abgelichtet. Denn Konrad Adenauer war schon nur noch der „Alte aus Rhöhndorf“, als Müller seine Serie begann. Er hatte 1962 in Berlin ein Malerei-Studium abgebrochen, um sich fortan dem „Malen mit Licht“ (griechisch: Fotografein) zu verschreiben. Gerne wird die Geschichte erzählt, wie er mit wenig Geld aber ungebremstem Willen von Berlin ins Rheinland fuhr, um mit Vaters alter Rolleiflex aus dem Jahr 1935 das erste Bild von Adenauer zu machen. Oder in Rom ein – hoffnungslos verwackeltes – Bild von Papst Johannes XXIII. während einer Generalaudienz eher zu knipsen als zu fotografieren. Doch es zeigte Müllers Hang, den ganz Großen mit den wichtigen Gesichtern nahe zu kommen.

Naturgemäß dachte keiner daran, dass Müller irgendwann diese Ausnahmestellung haben würde. Jeder politische Fotojournalist jener Jahre hatte Hunderte von Aufnahmen von Adenauer, dann Hunderte von Erhardt, dann Hunderte von Kiesinger, ohne sich deswegen „Kanzlerfotograf“ nennen zu wollen. Doch schon damals wählte Müller eine andere Herangehensweise. Er wollte die Handelnden weder Einfrieren noch künstlich ausleuchten, wie es mit den gebräuchlichen Presseblitzlichtgeräten unvermeidlich war. Er setzte auf das natürliche Licht, um die Natur der Regierenden besser erfassen zu können. Dafür brauchte Müller das, was er reichlich hatte, seine Portraitierten aber so gut wie gar nicht: Zeit. Kein Wunder, dass Müller zu den Hintergründen seines Erfolges die Erkenntnis vermittelt, als Portraitfotograf müsse man „auch Psychologe und Entertainer sein“.

Und das Vertrauen der Kanzler haben. Der junge Müller setzte dazu auch auf Seriosität: Meist begegnete er den Großen und Wichtigen in dunklem Anzug, weißem Hemd und schwarzer Krawatte. Den „Alten“ passte er noch diverse Male vor seinem Haus und auf dem Weg zum Wagen ab, suchte Veranstaltungen mit ihm auf, um zum Schuss zu kommen, die Furchen des Jahrhundertkopfes, die Hände des Greises, die Gesten des Machtmenschen einzufangen. In Müllers Adenauer-Buch brachte Golo Mann die zugehörige Erklärung: Menschen sähen in der Mitte ihres Lebens oft bedeutungslos aus. Erst das Alter forme den „großen“ Kopf. Wie sehr Müller die Verehrung und der Kontakt mit Adenauer gefesselt hat, zeigt sich noch heute in seinem Haus bei Bonn: Dort hängt eine Zeichnung vom ersten Kanzler, die Müller als Kunststudent angefertigt hatte.

Erhardt empfing Müller zu Hause, schuf so den Rahmen für ausgeruhte Portraits. Mit Willy Brandt pflegte Müller einen über drei Jahrzehnte währenden intensiven Umgang. Vielleicht war es das, was den Fotografen bei Helmut Kohl als „Soz“ verdächtig machte. Erst über den von Müller portraitierten französischen Staatspräsidenten Francois Mitterrand, der wiederum mit Kohl befreundet war, kamen sich Müller und Kohl näher. Am Ende duldete der Kanzler der Einheit von Müller sogar Vorgaben, die er sich bei jedem anderen Fotografen verbeten hätte. Dafür hatte Müller aber zunächst den Nachweis zu liefern, absolut diskret und integer zu sein und auch die interessantesten Interna, die er während der Anwesenheit im innersten Zirkel der Macht mitbekam, nicht nach außen zu tragen. „Ohne Diskretion geht es nicht, das ist ein absolutes Merkmal meiner Arbeit“, unterstreicht Müller. Dennoch sind die dabei entstehenden Bilder durchaus entlarvend und nicht immer nur freundlich. Es kommt in ihnen auch sehr viel von Einsamkeit im Amt zum Ausdruck. Obwohl die Mächtigen der Republik von Heerscharen von Zuarbeitern umgeben sind.

Neben Mitterrand gehörten aus dem Ausland vor allem der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky (mit ihm verband ihn sogar eine Art Vater-Sohn-Verhältnis) und der russische Präsident Wladimir Putin zu den Staatsmännern, deren Persönlichkeit er in vielen Aufnahmen dokumentierte. Weite Beachtung fanden die von Müller dem künstlichen Archivlicht entzogenen missgebildeten Föten der Berliner Charite. Faszinierend sind Müllers Stilleben. Auch sie erreichen ihre besondere Ausdrucksstärke durch das kompromisslose Festhalten an der Schwarz-Weiß-Fotografie. Etwa die – Inbegriff der Farbe Gelb – Zitrone. „Ich habe mal versucht, in Farbe zu fotografieren; das kann ich nicht“, bekennt Müller.

Unter den Fotografen der Gegenwart ist er ein Fossil. Er hat nie auf eine Assistenz zurückgegriffen. Weder bei den Aufnahmen noch bei der Entwicklung in der Dunkelkammer. Hier, in der stundenlangen Veredelung des Fotokunstwerkes aus Negativ, Papier, Chemie, Zeit und Temperatur folgt die andere Hälfte des schöpferischen Aktes. Als unerbittliche Zugangsschranke zwischen Aufnahmemoment und Veröffentlichung dient Ehefrau Brigitte, eine frühere Stewardess. Sie ist seine erste Kritikerin, und wenn sie den Daumen senkt, zerreißt Müller den Abzug. „Es muss perfekt sein.“ Das ist sein Anspruch, und deshalb betont er, dass er von jedem Bild auch nur einen einzigen Abzug mache – so wie es Gemälde und Zeichnungen schließlich auch nicht mehrfach gebe.

Konsequenterweise verweigert sich Müller der digitalen Fotografie. Keine Pixel, kein Computer, kein E-Mail und kein Photoshop. Das wird er „sicher nicht mehr“ machen, sagte er 2009, als eine Kanzler-Bilder-Schau in Berlin eröffnet wurde. Die 150jährige Epoche der klassischen Fototechnik gehe zwar allmählich zu Ende. So lange es aber noch Filme, Fotopapier und Fotochemikalien gebe, werde er darauf auch zurückgreifen. Seine Ahnung: „Mein Leben wird wahrscheinlich gleichzeitig enden mit der traditionellen Fotografie.“ Immerhin hat Müller die Rolleiflex von 1935 inzwischen ersetzt – durch eine aus dem Jahr 1975.

Es vergingen Jahre, bis sein Wunsch, auch Angela Merkel im Kanzleramt fotografieren zu dürfen, gehört wurde. Die äußeren Bedingungen waren nicht optimal. Die Kanzlerin hatte wenig Zeit und wollte, dass Müller erstmals auch künstliche Beleuchtung zur Hilfe nahm. Gleichwohl errang er auch dieses Mal eine Neuinterpretation: Die im Westen geborene Ostdeutsche und erste Kanzlerin des wiedervereinigten Deutschland offenbare in ihrem Gesicht, aus zwei Hälften zu bestehen. Müller machte sozusagen den Machtmenschen und das Mädchen sichtbar. Und erstmals entdeckte er auch eine erotische Komponente. Es war ja auch Müllers erstes Frauen-Portrait im Kanzler-Amt.