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Der am 20. Oktober 1940 geborene und am 11. September 2009 gestorbene Berliner Roger Melis gehörte zu den herausragenden Fotografen der DDR. Seine einfühlsamen Portraits der ostdeutschen Künstlerszene sind in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegangen. Seine sorgfältig beobachteten, symbolhaltigen Szenen aus dem Alltag des real existierenden Arbeiter- und Bauernstaates bieten auch den nachgeborenen Generationen einen eigenen Zugang zu den Jahrzehnten des untergegangenen Staates, frei von Hass und Verachtung genauso wie unbeeinflusst von Propaganda und Verklärung.
Im Westteil Berlins geboren, wuchs er nach dem Krieg im Ostteil (Wilhelmshorst bei Potsdam) auf, konnte sich wegen seines zunächst auch von der DDR-Obrigkeit geschätzten Talentes aber auch nach dem Bau der Mauer weiter im Westen aufhalten – und damit möglicherweise noch genauer die spezifischen Erscheinungsweisen der DDR-Gegenwart empfinden und dokumentieren. Von Kindsbeinen an hatte er intensiven direkten Kontakt zur Künstlerszene, denn sein Stiefvater wurde 1949 der Dichter Peter Huchel. Mit 17 absolvierte Melis eine fundierte Fotografenlehre, ging mit 20 aber nicht sofort in den Beruf, sondern zunächst auf hohe See. Es war der erste Ausdruck seiner ausgeprägten Reise-Leidenschaft, die er später auch mit dem Mittel der Fotografie pflegte. Es war geradezu eine „um-zu“-Verbindung, wie er einmal berichtete: „Ich wollte in der Welt herum kommen, Länder und Menschen kennen lernen“. Dafür glaubte er mit der Fotografie den „idealen Beruf gefunden“ zu haben.
Doch zunächst führte ihn seine erste Beschäftigung in die Charité. Das traditionsreiche Krankenhaus beschäftigte ihn als Fotografen, ließ ihn Operationen und Krankheitsverläufe festhalten. Gleichzeitig aber widmete er sich von den frühen 60er Jahren an der Portraitkunst. Wie das 2008 erschienene Buch „Künstlerportraits“ in der Zusammenschau von rund 200 Aufnahmen aus 40 Jahren zeigt, kam darin das besondere Talent von Melis zum Ausdruck. Und sein stets präsentes Bemühen, sich von den einschlägigen Erwartungen der Machthaber zu emanzipieren, möglichst viel vom Charakter eines Menschen einzufangen, den Betrachter in dessen Augen lesen zu lassen.
So schilderte Melis etwa die Begegnung mit der damaligen Vorsitzenden des DDR-Schriftstellerverbandes, Anna Seghers, als langwährenden Versuch, die von ihr erwarteten Posen zu überwinden. Er wollte eine „lebensvolle Erzählerin“ festhalten, sie eine „steife Repräsentantin ihrer selbst“ geben. So ließ er sich darauf ein, die „verbrauchten Posen“ von der Schreibmaschine bis zum Bücherregal mit ihr wieder und wieder durchzugehen – bis sie ermattet auf einen Stuhl sank und ihm in diesem Augenblick unfreiwillig ein dichtes Portrait einer erschöpften Legende ermöglichte. Die Auftraggeber waren seinerzeit entsetzt, weil das nicht „unsere Anna“ sei. Dafür zierte das Bild 40 Jahre später den Titel der „Künstlerportraits“ und bestätigte, was sein Verleger Mark Lehmstedt auf die Formel brachte: „Seine Bilder sind wie ein Sog.“ Auf Messen habe er immer wieder beobachten können, wie Besucher von Melis' Aufnahmen geradezu festgehalten wurden.
Auf diese Weise fotografierte er fast das komplette Who is who des Kunstbetriebs: Wolf Biermann, Thomas Brasch, Franz Fühmann, Stephan Hermlin, natürlich Peter Huchel, Hermann Kant, Rainer Kirsch, Sarah Kirsch (legendär auf gepackten Kisten kurz vor der Ausreise), Heiner Müller, Anna Seghers, Katharina Thalbach oder Christa Wolf, um nur einige zu nennen. Nachdem er 1968 seine Tätigkeit als wissenschaftlicher Fotograf an der Charité beendet und die Zulassung zu freiberuflicher Arbeit erhalten hatte, widmete er sich noch intensiver auch der Reportage-Fotografie für Zeitungen, Zeitschriften und Magazine in der DDR wie auch in der Bundesrepublik. 1966 waren Melis-Aufnahmen erstmals bei „Merian“ erschienen, 1968 Modefotografien in der „Sibylle“. Melis arbeitete zu dieser Zeit bereits mit der Modejournalistin Dorothea Bertram, die er wenig später heiratete.
Seine Bildbände, etwa „Paris zu Fuß“, erreichten schon in der DDR Rekordauflagen, gedruckt wurden seine Reportagereihen aber auch immer wieder in westdeutschen Medien wie der FAZ oder der Zeit. Eine Reportageserie mit Erich Loest aus dem Erzgebirge für „Geo“ beendete jäh einen Teil seines öffentlichen Wirkens. Er wurde wegen seiner kritischen Dokumentation der DDR-Wirklichkeit 1981 mit einem Veröffentlichungsverbot belegt, konnte jedoch auch danach noch Ausstellungen zusammenstellen, der Zentralen Arbeitsgruppe Fotografie im Verband Bildender Künstler vorsitzen und an der Kunsthochschule Weißensee lehren. Vor allem aber konnte er weiter fotografieren und durch sehr sorgfältige Beobachtungen, wie Verleger Lehmstedt festhält, Bilder mit „zweifachem oder gar dreifachem Boden“ schaffen.
Waren viele dieser den Alltag schonungslos festhaltenden Aufnahmen in den DDR-Medien als „Müllkastenfotografie“ verachtet, wurden sie nach der Wende in wichtigen Ausstellungen und Publikationen zu Zeugnissen der „Skepsis und Resignation der Ostdeutschen“, so Lehmstedt, aber auch des Stolzes, des Widerspruchsgeistes und der Sehnsüchte „in einem stillen Land“. Um es mit Melis' eigenen Worten zu sagen: „Meine wichtigste Aufgabe habe ich immer darin gesehen, eindringliche Bilder von Menschen zu schaffen, möglichst in ihrem natürlichen Lebens- und Arbeitsumfeld, und ihnen dabei nicht die Seele zu rauben, sondern mich ihnen behutsam zu nähern.“ In den letzten Jahren lebte und arbeitete Melis mit seiner Frau in Berlin und in der Uckermark. Nach schwerer Krankheit starb er am 11. September 2009.
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