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David LaChapelle ist nicht nur ein amerikanischer Fotokünstler. In der globalisierten Welt muss er als globaler Schrittmacher weltweiter Phänomene betrachtet werden. Seine Bilder auf eine Chiffre bringen zu wollen, müssten Formulierungen wie „Andy Warhol in schrill“ erlauben. So als könne es einen „Schimmel in Weiß“ geben. Die Logik des Sprachzentrums verweigert sich dem. Aber bei LaChapelle müssen sich die Gesetzmäßigkeiten der Welt geschlagen geben.
LaChapelle hat Bilder geschaffen, die von ihrer Wirkung her vielleicht mit der Schöpfung von Alfred Nobel verglichen werden können. Sie sind pures Dynamit, ja mehr als das, sie sind eine permanente Massenreaktion explodierender Sprengstoffmengen. Seine Bilder scheinen zu schreien. Und nach gehäufter Betrachtung der Fotos möchte es der Zuschauer am liebsten auch. Die von LaChapelle provozierten Reaktionen dürften von schockierter Abwendung über willenloses Hineinziehen ins Bild bis zu der Erkenntnis langen, wer solche Visionen hat, sollte schnellstmöglich zum Arzt gehen. Und wer diese Visionen von ins Grenzenlose gesteigerter Obsessivität auch noch bis ins kleinste Detail mit wochenlangem Aufwand einer gewaltigen Studio-Belegschaft inszenierte Schein-Wirklichkeit werden lässt, der dürfte Jahrzehnte brauchen, um von diesem ultimativen Mega-Trip wieder auf dem Boden der Realität zu landen.
Vermutlich am 11. März 1969 in Connecticut geboren (es könnte nach anderen Angaben auch schon sechs Jahre früher gewesen sein), begann David LaChapelle in den 80er Jahren von New York aus den Siegeszug durch Galerien und globale Werbemaschinen rund um die Welt. Mit einer Aktserie seiner Freunde stellte er sich seinem Idol Andy Warhol vor, der ihm daraufhin einen Job bei seinem Interview Magazine beschaffte. LaChapelle hatte in der North Carolina School of Arts besucht und war nach New York gewechselt, wo er sich sowohl bei der Art Students League und der School of Visual Arts einschrieb.
Seine fotografische Handschrift wurde schnell legendär, und die aufwändigsten und ambitioniertesten Hochglanzmagazine der Welt standen bei ihm Schlange. Ständig auf der Suche nach aufsehenerregenden, sofort gewehrschussartig alle Aufmerksamkeit auf sich saugenden Fotos, vermochte David LaChapelle die Branche wie kaum ein anderer regelrecht gefügig zu machen. Art-Direktoren, die einen echten „LaChapelle“ vorweisen konnten, waren im Wettbewerb um das kaufkräftigste Cover geborene Sieger, und wenn neue Produktlinien eine kometenhafte Bekanntheitskurve hinlegen oder gewohnte Marken einen Imagezuwachs mit Nachbrennereffekt erleben sollten, dann setzten die Magier der Millionenetats auf LaChapelle. Der funktionierte, lieferte die Sensationen, die dem Betrachter den Atem nehmen, aber stellte in dieser stärkstmöglichen Übertreibung zugleich den ganzen Betrieb selbst in Frage.
Scheinbar willenlos stellten sich auch die Berühmtheiten des Showgeschäftes seinen metaphernbeladenen Szenen zur Verfügung. Tupac Shapur, Madonna, Amanda Lepore, Eminem, Phillip Johnson, Lance Armstrong, Pamela Anderson. Lil´ Kim, Uma Thurman, Elizabeth Taylor, David Beckham, Paris Hilton, Jeff Koons, Leonardo DiCaprio, Hillary Clinton, Muhammad Ali und Britney Spears nennt er selbst beispielhaft als “kleine Auswahl” aus Hunderten von weltweit gefeierten Stars. So aufwändig, wie er einzelne Fotografien inszenierte, war es nur logisch, dass er in einer weiteren Entwicklungsphase ganz im eigenen Stil auch die Regie für Musikvideos übernahm und eine weltumfassende Vermarktung der Popmusik durch Pop-Art-Impressionen expressivster Natur ermöglichte. Die Namen wiederholen sich teilweise, denn hier hält er unter anderem als wichtige Beiträge die Videos mit Elton John, Amy Winehouse, Jennifer Lopez, Christina Aguilera, Avril Lavigne, Robbie Williams, Whitney Houston oder Maria Carey fest.
Wiewohl vordringlich dafür gemacht, beim Friseur unter der heißen Haube beim Blättern durch Magazine die Gehirnströme noch weiter anzuheizen, quollen LaChapelles Fotos immer zugleich auch aus dem vorgegebenen Format heraus. Sie scheinen erst in Museen und Galerien als wandfüllende Monumentalfotografien ihren eigentlichen Bestimmungsort zu finden. Dann gehen die Augen der Betrachter mit wachsendem Kitzeln unter der Schädeldecke in orgienartigen Phantasiewelten streng realistisch geschminkter, aber irreal drappierter Models spazieren. In seinem Bemühen, nicht nur Andy Warhol sondern auch Michelangelo zu preisen und auf seine Art zu übertreffen, ließ LaChaperelle biblische Szenen buchstäblich fleischwerden im Alltag des 20. und 21. Jahrhundert. Machte er Stars und gewöhnliche Menschen von heute zu gewöhnlichen wie ungewöhnlichen Gestalten, die aber durch ihre Rolle als Christus oder Apostel die permanente Deutung in die Hirne prügelten: Gott ist auch jetzt und er ist auch überall und nicht nur gut verstaut in wohlgeordneten Schubladen unserer Gedanken.
Die herausragende Bedeutung der lachapelleschen Pop-Art-Radikalität kommt in seiner Allgegenwart von Werken rund um die Welt zum Ausdruck. So sehen binnen eines Jahres und oft sogar gleichzeitig die Menschen in New York, Seoul, Singapur, Houston, Los Angeles, Taipeh, Hong Kong, Puerto Rico, Shanghai, Bratislava, Hannover, Prag, Aspen, Knokke, Busan, Rochester, Turin, Salzburg, Montreal und Istanbul seine Bilder und sorgen immer wieder für neue Rekorde bei den Besucherzahlen. Sie können nicht überrascht sein, wenn er mit seinen Gedanken längst weiter ist, die „klassische“ Erwartungshaltung der Fantasie-Einkäufer nicht mehr erfüllt und etwa minimalistische Fotos anfertigt oder den Modezirkus auf andere Art mit eher belastenden Interpretationen hinterfragt. Einer wie LaChapelle hat das Erfüllen von Erwartungshaltungen nicht mehr nötig. Zurückgezogen in einer versteckten Wohnanlage im Dschungel von Hawaii sieht die Welt wieder anders aus. Vielleicht ist es aber auch die natürliche Reaktion auf genialische Übersteigerung von Farbe und Vision, Nacktheit und Leidenschaft, die Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens und der Herausforderung des Todes.
Irgendwann wird einer kommen, der noch radikaler, noch rücksichtsloser, noch visionärer und noch schockierender Waren, Leben, Mode und Menschen inszeniert. Aber LaChapelle wird er damit nicht verdrängen, nur ergänzen können.
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