Herlinde Koelbl

* 31.10.1939

Lindau

   

Schwerpunkt:
Portrait
Akt
Reportage

         

 

Herlinde Koelbl
Herlinde Koelbl, 2009
© Johannes-Rodach.de

Herlinde Koelbl, am 31. Oktober 1939 in Lindau am Bodensee geboren und in München lebende Fotokünstlerin, machte erst als Mittdreißigerin ihre ersten Aufnahmen. Doch mit 69 war daraus bereits ein international anerkanntes Oeuvre mit einer unverwechselbaren Handschrift und wichtigen Marksteinen der Fotografie in Deutschland geworden, das in einer viel beachteten Werkschau im Berliner Martin-Gropius-Bau 2009 eine weitere Anerkennung brachte.

Vier Filme, geschenkt von einem Freund, vorgesehen für die Kamera ihres Mannes und gedacht für Schnappschüsse ihrer Kinder. Das war die Initialzündung Anfang der 70er Jahre. Die gelernte Modedesignerin dachte gar nicht daran, ihre Kinder nur zu „knipsen“, wie es millionenfach jeden Tag und jede Stunde rund um den Globus geschieht. Sie entdeckte die Kamera als Möglichkeit, unter die Oberfläche zu dringen und schon bei jungen und jüngsten Menschen spezifische Charaktere frei zu legen, den tieferen Wesensgehalt zu dokumentieren.

Über Fotoarbeiten für bayerische Lokalzeitungen ging es weiter zu Reportagen von heimischen Wochenmärkten, und über Frauenportraits arbeitete sie sich an ihr erstes großes Thema heran: Deutsche Wohnzimmer. Niemand ahnte Ende der 70er Jahre, dass diese gewissenhafte, über viele Monate intensivster Beschäftigung entstandene Serie einmal zu den Klassikern der Fotokunst in Deutschland werden würde, zur Fundgrube für Bühnen- und Filmausstatter, zur Pflichtlektüre für Sozialwissenschaftler, die sich mit der Entwicklung der Gesellschaft befassen und wissen wollen, wie das Leben aussah ohne CD-Player, ohne Laptop, ohne Großbildschirm. Koelbls herausragendes Talent war damit offenkundig geworden: Sie ist die Avantgardistin des Alltags. Sie springt nicht auf Trends auf, sondern begründet sie selbst. Jahre früher als sie allgemein wahrgenommen werden.

Verleger waren zunächst mehr als skeptisch. „Deutsche Wohnzimmer?“ Warum sollte etwas derart Banales, Alltägliches, Langweiliges für Fotoliebhaber interessant sein? „Wir verlegen nur Berühmte und Tote“, bekam Koelbl zu hören, und die Frage: „Haben Sie denn einen Namen?“ Ihre Antwort: „Ja, habe ich: Herlinde Koelbl.“ Selbstbewusst, hartnäckig von ihrem „Ding“ überzeugt und nur nicht aufgeben. Nach dieser Devise stürzte sich Koelbl in ihre Projekte. „Leidenschaft“ sei die erste Voraussetzung, schilderte Koelbl. Das folge „Disziplin“, und zwar „um durchzuhalten, auch finanziell durchzuhalten“.

Denn ihre Vorhaben sind nicht fertig, wenn ein Kompromiss aus zur Verfügung stehenden Motiven und zur Verfügung stehender Zeit gefunden werden muss. Ihre Vorhaben dauern, bis sie fertig sind. Das kann Monate dauern, oft Jahre, kann sie auf alle Kontinente der Erde führen oder auch in eine Längsschnittbegleitung politischer, publizistischer und wissenschaftlicher Eliten. So wie ihre jährlichen Sitzungen, auf die sich zwischen 1991 und 1998 Karlheinz Blessing, Joschka Fischer, Peter Gauweiler, Monika Hohlmeier, Angela Merkel, Friedbert Pflüger, Heinrich von Pierer, Frank Schirrmacher, Rolf Schlierer, Renate Schmidt, Gerhard Schröder, Henning Schulte-Noelle, Irmgard Schwaetzer, Heide Simonis und Arnold Vaatz einließen. Es entstand ein faszinierender Portrait-Reigen, der die „Verwandlung des Menschen durch das Amt“ klar wie selten zuvor vorführte. Koelbl intensivierte die Aussagekraft ihres Projektes noch, indem sie Kernsätze über die jeweilige aktuelle Befindlichkeit und Erkenntnisfortschritte der Protraitierten aus den einzelnen Sitzungen mit überlieferte. Die „Spuren der Macht“ machten Koelbl zu einer herausragenden Größe unter den internationalen Fotokünstlern.

Das Prinzip der gegenseitigen Bekräftigung zwischen Portraits und Erfahrungen der Portraitierten verwendete sie in Form von einfühlsamen Interviews bei ihrem Projekt „Jüdische Porträts“, mit denen sie Überlebende des Holocaust dem Vergessen entriss. Auch dieses Projekt beschäftigte sie fünf Jahre von 1985 bis 1989. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie auch bereits einen starken Akzent in der Aktfotografie gesetzt. Ihre Serie „Männer“ von 1984 zeigte nicht die bloße Körperlichkeit muskulöser Schönheitsideale, sondern ganz gewöhnliche Typen, die unbefangen die Fotografin an ihrer Nacktheit teilhaben lassen, am Umgang mit ihrem Körper. Ein weiterer Wesenszug Koelbels kommt hier zum Ausdruck: stets ganz nah am Menschen und ihren individuellen Signalen, Merkmalen und Zusammenhängen zu sein. Zum Klassiker wird in diesem Zusammenhang auch ihre 1986er Serie „Feine Leute“ über die verräterischen Riten und Rhythmen der so genannten High Society. Eine stark beachtete Ergänzung zu ihren Männerakten bilden zwölf Jahre später die „starken Frauen“, die mit ihren Rubensfiguren den Kontrapunkt zu den gängigen Modelmaßen darstellen, dafür aber eine viel dichtere, natürlichere Menschlichkeit ausstrahlen.

Wichtige Projekte im neuen Jahrtausend bilden die „Schlafzimmer“ aus dem Jahr 2002 und „Haare“ aus dem Jahr 2007. Es sind weitere Ausrufezeichen dessen, was Fotokunst in der Tiefe des Alltags auszudrücken vermag. Koelbl sucht nach eigenen Worten nicht nach ihren Projekten. Vielmehr sei es so, dass diese sich ihr aufdrängen. „Ich habe das Gefühl, dass die Themen zu mir kommen; manche klopfen schon seit Jahren an und bestehen darauf: ,Jetzt bin ich dran!'.“

Wichtig ist Koelbl, frei für eigene Empfindungen zu sein. Ein Gräuel ist ihr, wenn Professoren ihre Schüler in eine von ihnen bevorzugte Schablone zwingen. Ihre eigene Erfahrung mit dem Einstieg in die Fotografie bestand eben nicht darin, zuvor andere Künstler studiert und Fotokunstbildbände betrachtet zu haben. Koelbl: „Ich musste mich nicht befreien.“ Mit diesem Konzept absolvierte sie Gastprofessuren unter anderem in Sydney, Seoul, New York und Hamburg. Ihre multimediale Ader kommt zudem in Filmdokumentationen (etwa über die „Meute“ der politischen Journalisten) oder Videoinstallationen zum Ausdruck.

Bei einem Rundgang durch ihre Berliner Werkschau mit mehr als 450 Exponaten zeigte sie sich 2009 „dankbar“ gegenüber „so vielen Menschen, die mich in ihr Leben gelassen haben“. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits zwei weitere Projekte in Arbeit.

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Text: R.M./fotokunst-in.de


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