Gottfried Helnwein

*

1948

Wien

  

Schwerpunkt:
Schock-Ästhetik
Mixed Media
Portraits

 

    

 

Der am 8. Oktober 1948 in Wien geborene Österreicher und Ire passt nicht in die Schublade der Fotokunst. Er bedient sich der überdimensionalen Fotografie, betätigt sich phasenweise in der ausdrucksstarken Portraitierung, experimentiert mit Schärfe und Unschärfe, dokumentiert seine Installationen und Performance-Aktionen – behandelt bei all dem aber die Frage als zweitrangig, ob er für seine aktuellen Kunstwerke nun auf die Kamera zurückgreift, auf den Computer, auf Pinsel und Zeichenstift oder auf mehrere Medien gleichzeitig.

Wichtig ist für ihn die zentrale Botschaft unabhängig vom Einsatz des jeweiligen Mediums. Deshalb verwendet er immer wieder auch „mixed media“ genannte Kunstwerke, die als Fotomalereien oder Gemäldegrafien begriffen werden könnten. Und verschiedentlich wird erst bei näherem und nächstem Hinsehen klar, welches der Bildnisse nun eine Fotografie und welche eine hyperrealistische Zeichnung ist. Gemeinsam ist den meisten Werken, im Dienst einer „Schock-Ästhetik“ zu stehen. Sie erfüllen formal zwar die Ansprüche der Ästhetik, lösen beim Betrachter aber in erster Linie Entsetzen und Abscheu aus. Leitthema ist dabei zumeist das leidende Kind.

Schreiend und gequält. So hat Helnwein sich auf seinem berühmten Selbstportrait festgehalten. Es ist Ausdruck seines Anliegens, die Menschen nicht einfach nur zu schockieren, sondern über den Schock in einen Protest gegen Zustände zu bringen: wie Kinder vernachlässigt, missbraucht, erniedrigt, verletzt, getötet werden. „Mich regt immer auf, dass Kinder missbraucht werden, einfach weil sie physisch schwächer und nicht fähig sind, sich zu wehren“, erläutert Helnwein, der auch keinen Hehl aus einer eigenen „furchtbaren“ Kindheit in einem dunklen, hoffnungslosen Wien der Nachkriegsjahre macht. Er zieht den Bogen zu den gemarterten Kindern in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten und zu den Napalm-verbrannten Kindern in Vietnam und bringt das Anliegen seiner Kunst in einen einzigen Satz: „Ich versuche, aus dem Blickpunkt des Kindes zu sprechen.“

Dieser Blickpunkt provoziert die Öffentlichkeit zuweilen über das erträgliche Maß hinaus. „Entartete-Kunst“-Aufkleber hat es auf seinen ausgestellten Bildern bereits gegeben, wie den Versuch, sie zu zerstören, wie die zur „Selektion“ in KZ ausgesuchten Großportraits von Kindern, die als mahnende Installationskette 1988 zum Jahrestag des 9. November vom Dom zum Museum Ludwig in Köln verliefen. Er überklebte die zerstörenden Schnitte und machte damit das Kunstwerk noch eindringlicher. „Zu dieser Erfahrung muss man bereit sein, wenn man Kunst dem öffentlichen Raum aussetzt“, stellte Helnwein fest.

Wenn es um die Frage von Fotografie oder Malerei oder Computer-Manipulation geht, unterstreicht Helnwein, dass die Technik selbst ihn „nie interessiert“ habe. „Mein Leben lang habe ich mit verschiedenen Medien und Techniken experimentiert, um genau den Effekt zu erzielen, den ich wünschte.“ Als er 1969 an der Akademie der bildenden Künste in Wien (als Meisterschüler von Rudolf Hausner) begann, entwickelte er bereits seinen eigenen Malmethoden, kümmerte sich nicht um traditionelle Regeln für Wasserfarben, Buntstifte, Tinten und Sprühfarben. Schon damals nutzte er auch die Schwarz-Weiß-Fotografie, griff zugleich aber auch zum Stilmittel der Perfomance an öffentlichen Plätzen, oft mit Kindern. 1985 wechselte er nach Deutschland, in die Eifel – und änderte alles. Er wechselte zu Öl und Acryl auf riesigen Leinwänden und begann damit, verschiedene Medien miteinander zu kombinieren. Um die Jahrtausendwende kam die Computertechnik dazu. „Ein Kunstwerk ist einem Zauberkunststück sehr ähnlich“, sagt Helnwein. Das Publikum wolle überrascht, erfreut und inspiriert werden: „Unser Job als Künstler ist es, diese Wunder zu kreieren – auf der Bühne, auf dem Schirm oder auf der Leinwand.“

Anders als seine Schock-Bilder sollen Helnweins Portraits nicht bestürzen. Er ermöglicht es in den überdimensionalen Schwarz-Weiß-Bildern, den Portraitierten hautnah zu kommen. Die Plastizität erhöht er bei seinen „Faces“ durch den konsequenten Einsatz von Licht und Schatten, zusätzliche Dynamik kommt durch Gegen- und Seitenlicht. Zu den Portraitierten gehörten in den 80er und 90er Jahren Willy Brandt, Arno Breker, Charles Bukowski, Charles S. Burroughs, John Cale, Keith Haring, Michael Jackson, Mick Jagger, Norman Mailer, Heiner Müller, Keith Richards, Leni Riefenstahl, Maximilian Schell, Arnold Schwarzenegger, Roland Topor und Andy Warhol. Im großen Kontrast dazu stehen die „Poems“ (1996), deren Schärfe durch farbige Milchglasscheiben in der Präsentation mehr oder weniger in die Unschärfe getrieben wird.

Seit 1997 ist Helnwein Schlossherr in der irischen Grafschaft Tipperary und besitzt inzwischen die irische Staatsbürgerschaft. Weiterer Arbeits- und Wirkungsort ist Los Angeles.