Nan Goldin

*

1953

Washington

   

Schwerpunkt:
People
Portrait
Dokumentation

 

       

 

Die amerikanische Fotografin Nan Goldin, am 12. September 1953 in Washington, geboren, wird zu den bedeutenden zeitgenössischen Fotokünstlerinnen gezählt. Denn ihre Aufnahmen aus sozialen Randgruppen der Gesellschaft strahlen eine besondere Authentizität aus, die auf Goldins Überzeugung beruht, Personen und Vorgänge nur dann fotografieren zu können, mit denen sich der Fotograf selbst auskennt. Deshalb sind vor allem im Frühwerk Goldins ausnahmslos Freunde und Bekannte der jungen Frau dokumentiert, mit denen sie in den Hippie-Experimenten der 60er und 70er Jahren in einem Klima von Freier Liebe, Drogen und auch Gewalt zusammen lebte.

Nan Goldins starke Motivation, die Kamera als Mittel der Erinnerung an eigene (Mit-)Erlebnisse einzusetzen, rührt möglicherweise von dem Kindheitserlebnis des Selbstmordes ihrer älteren Schwester, als sie selbst gerade erst elf Jahre alt war. Vielleicht hat sie deshalb das besonders starke Bedürfnis. Lebenssituationen festzuhalten. Nach Jahrzehnten kam sie selbst zu dem Ergebnis: „Ich dachte immer, ich könnte niemanden verlieren, wenn ich ihn nur oft genug fotografiere. Aber meine Bilder zeigen mir, wie viel ich tatsächlich verloren habe.“ Das bezieht sich in erster Linie auf den großen und schockierende Aderlass, der die Krankheit AIDS in ihrem Freundeskreis forderte. So wie Goldin ihre Freunde beim Sex festhielt, begleitete sie sie auch beim Sterben.

Untrennbar mit ihrem Namen verbunden ist die mit Musik unterlegte Dia-Show der „Ballade von der sexuellen Abhängigkeit“, die in Büchern auf 150 Aufnahmen komprimiert, nur einen ungefähren Eindruck wiedergibt. Goldin variierte sie je nach Erkenntnissen, Stimmungen und Erfahrungen und griff dabei zwischenzeitlich auf rund 750 Fotografien zurück. Das Fotografieren in Randbereichen des Lebens bringt Ausstellungen mit Goldins Bildern je nach örtlichen Bedingungen auch mit dem jeweiligen Gesetz in Konflikt. So ist ihr Bild „Klara & Edda Belly-Dancing“ aus dem Jahr 1998 bereits bei mehreren Ausstellungen wegen des Verdachtes der Kinderpornografie konfisziert worden. Tatsächlich ist es durch das Fotografieren in die gespreizten Beine eines liegenden nackten Mädchens gelinde gesagt geeignet, Missverständnisse auszulösen. Auch eine Reihe anderer Aufnahmen geben sehr viel Intimität der Fotografierten preis. Offensichtlich trafen zeitweise Voyeurismus Goldins und Exhibitionismus ihrer Bekannten zusammen.

Goldins Hang, ihre Freunde als ihre Familie zu dokumentieren (nachdem sie selbst ihre eigene Familie bereits im 14. Lebensjahr verlassen hatte), gab ihr die Gelegenheit, ein ungemein „dichtes“ Portrait einer amerikanischen Generation jenseits bürgerlicher Traditionen zu entwickeln. In Anlehnung an Edward Steichens legendäre Menschheitsfamilie, mit der er gegen den tödlichen Hass der Völker in den Weltkriegen die Gemeinsamkeit der Menschen betonte, entwickelte Nan Goldin ihr eigenes Familien-Projekt, mit dem sie die an HIV erkrankten Freunde dem Vergessen entriss. Nach Steichens „Family of Man“ nannte Goldin ihr Projekt „Family of Nan“.

Ein gutes Bild ist für Goldin eines „das dich immer weiter reinzieht, je länger du es betrachtest“. Manche ihrer Bilder möchte man jedoch nicht zu lange ansehen. Ihr Selbstportrait etwa, das sie geschossen hatte, nachdem ihr damaliger Freund sie derart verprügelt hatte, dass sie beinahe erblindet wäre. Auch die nach einem Drogenentzug entstandenen Selbstportraits zeigen einen wenig selbstsicheren, sehr verletzlichen Menschen. Sie bilden sozusagen die Vorstufe zu einer filmischen Arbeit, in der sie „ihre Welt“ in Bewegung und Ton widerspiegelt („I'll be your mirror“). Ein Studium an der School of the Museum of Fine Arts und an der Tufts University in Boston lässt sie in den 70er Jahren vermehrt zur Farbfotografie greifen. Manche der damals entstandenen Aufnahmen im Millieu von Transvestiten und Transsexuellen bringt sie später im Bildband von der „anderen Seite“ zusammen.

Goldin räumt offen ein, dass sie sich viele Sprüche von anderen angeeignet habe. Deshalb ist manches, was von ihr als besonders prononcierte „Erkenntnis“ transportiert wird, durchaus hinterfragenswert. Etwa ihre Empfehlung: „Ich sage meinen Studenten immer, nehmt LSD, dann braucht ihr keine Theorie mehr.“ Mitunter wird sie auch bewusst missverstanden. So berichtet sie von einer Studentin, die Crack-Prostituierte am Times Square in New York fotografieren wollte. „Ich habe sie gefragt, ob sie je Crack genommen habe, ob sie je auf einem Trip gewesen sei. Sie sagte Nein. Ich sagte, okay, dann geh in ein Hotel am Times Square, wo die Leute Crack rauchen, und lebe mit ihnen. Finde heraus, worum es wirklich geht, bevor du es wagst, sie zu fotografieren.“ Amüsiert berichtet Goldin weiter, dass die Studentin dann zum Direktor gegangen sei, weil Nan Goldin ihr empfohlen hätte, Crack zu rauchen und eine Prostituierte zu werden. Goldins feste Überzeugung bleibt: „Ich glaube, man kann nichts fotografieren, was man nicht erlebt hat, wozu man keine Verbindung hat.“

Als „großartige Zeit“ hat Goldin ihr Jahr in Vorwendezeiten im Berliner Bezirk Kreuzberg in Erinnerung. Später arbeitete sie in New York und Paris.

 


 




Ausstellungen:

>> Frankfurt am Main | Art Foyer DZ Bank | Reich mir die Hand