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Der am 22. August 1908 geborene Franzose Henri Cartier-Bresson gehört zu den wegweisenden Fotografen des 20. Jahrhunderts. Vor allem seine in Schwarz-Weiß gehaltenen Sozialstudien prägten die Bilder, die viele Menschen von den realen Verhältnissen um sich herum in den Köpfen hatten. Besondere Bedeutung bekam sein Engagement bei der Befreiung Frankreichs und für die Rechte der Fotografen – er war einer der Gründer des Agentur Magnum.
Sein ursprüngliches Metier war die Malerei. In Chanteloup nahe Paris als Sohn eines reichen Textilfabrikanten geboren, zeigte er wenig Neigung, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Die schönen Künste lagen ihm mehr. Unterstützt von der Familie studierte er Malerei unter anderem bei Jean Cottenet und Emile Blanche, fand Anschluss an die Künstlerkreise der Hauptstadt. Bei André Lohtes machte er Bekanntschaft mit dem Kubismus und hängte von 1928 bis 1929 noch ein Literaturstudium in England an. Längst war er zu diesem Zeitpunkt nicht nur ein Bewunderer der Ideen des Sozialismus geworden sondern selbst auch Mitglied der französischen kommunistischen Partei. Eine bemerkenswerte Kombination: Schwärmen für die Revolution und gleichzeitig Besuch einer englischen Elite-Uni und damit umgeben vom Nachwuchs des herrschenden Establishments. Ihn faszinierte nach eigenen Worten „die Haltung der Revolte – in der Kunst wie im Leben“. Sein größter Wunsch in den sozialen Wirren und Verwerfungen der 20er Jahre: „Die Welt malen und verändern.“ Doch die Welt schien nicht auf seine Gemälde gewartet zu haben. Seine ersten Bemühungen blieben ohne nennenswerte Resonanz. Das änderte sich im Zusammenhang mit einer Großwildjagd 1931 an der Elfenbeinküste, zu der Cartier-Bresson neben dem Gewehr auch eine Fotokamera mitnahm. Es war der Durchbruch zur Nutzung der neuen technischen Möglichkeiten für eine neue Kunst- und Reportageform.
Denn die 30er Jahren brachten die Trennung von den großen, statischen Großbildkameras. Kleine Apparate, empfindlichere Filme machten das Medium mobil. Cartier-Bressons Verdienst war, in dieser Phase zugleich den Faktor der Sensibilität in die Fotografie einzuführen. Er wollte die Wirklichkeit nicht plakativ inszenieren, sondern so originalgetreu wie nur eben mögliche dokumentieren – überspitzt von ihm selbst formuliert, habe sich der Fotograf gleichsam auf „Samtpfoten“ seinem Motiv zu nähern, damit es sich für den Fotografen nicht verändere. Selbst die Verwendung von Blitzlicht müsse vermieden werden, weil der Fotograf gegenüber der Szene „unerträglich aggressiv“ werde.
Seine Arbeitsweise in zwei Sätzen: „Ich zog den ganzen Tag durch die Straßen, angespannt und bereit, auf den Auslöser zu drücken, entschlossen, das Leben einzufangen – den Moment des Lebens zu bewahren. Vor allem war ich darauf aus, das Wesentliche einer Situation, die sich gerade vor meinen Augen abspielte, in einem einzigen Foto einzufangen.“ Ein 50-Millimeter-Standardobjektiv sollte den Wahrnehmungen des menschlichen Auges so nah wie möglich kommen. Und er weigerte sich auch, sich auf Ausschnittvergrößerungen einzulassen. Mit dem Entstehen des Negatives musste auch das spätere Bild perfekt sein.
So entstanden Fotoreportagen von beispielloser Dichte aus den sozialen Milieus Frankreichs, Spaniens, Italiens, Deutschlands, Ungarns, Polens – das Gesicht der Armut, die Geste des revolutionären Kampfes, die stumme Gewalt des Warschauer Ghettos. Cartier-Bressons Bilder waren nicht einfach nur Anklage oder Ansporn, sie fingen ganze Geschichten ein und zeigten den Menschen, wie er trotz widrigster Umstände Würde und Aufbruch vermitteln kann.
1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten, hielt die Fachwelt Cartier-Bresson für tot und bereitete ihm eine „posthum“ gedachte Ausstellung seines Lebenswerkes im Museum of Modern Art 1946 in New York vor. Der „Verstorbene“ konnte sie am Ende selbst mit zusammenstellen und zur Eröffnung der Retrospektive kommen, denn nach zwei erfolglosen Fluchtversuchen hatte er sich 1943 den Deutschen doch entziehen und dem französischen Widerstand anschließen können. In diesen Jahren gehörte er nicht nur zu einer Gruppe professioneller Fotografen, die die Befreiung Frankreichs in ihren vielen Aspekten und Facetten festhielten; Cartier-Bresson begann auch eine Serie von Portraits der beeindruckendsten Persönlichkeiten jener Jahre: Matisse, Picasso, Braque, Bonnard, Claudel, Roualt...
Auf das Jahr 1947 zurück geht zudem die legendäre Agentur Magnum, die Cartier-Bresson zusammen mit Robert Capa, David („Chim“) Seymor, William Vandivert und George Rodger gründete und die – für damalige Verhältnisse revolutionär – den Fotografen weiter die Rechte am eigenen Bild zusicherte. Es begann die Zeit des „klassischen“ Fotoreporters Cartier-Bresson, der über drei Jahre hinweg die Umwälzungen in Indien, China und Indonesien aus nächster Nähe festhielt. Zurückgekehrt nach Europa, setzte er sich auch theoretisch mit der Fotografie auseinander und entwickelte die Lehre vom „entscheidenden Augenblick“, auf den es letztlich ankomme. Es ging ihm darin um eine geradezu psychologische Auseinandersetzung mit den Bedingungen, in denen sich Fotograf und Fotografierter befinden und um jenen Moment, in dem das Modell wieder ganz natürlich wird, sein wirkliches Ich erkennen lässt und das aufgesetzte Posieren fallen lässt. In den folgenden Jahrzehnten führten ihn umfangreiche Reportagereisen unter anderem in die USA, nach Kuba, Mexiko, wieder nach China und als erstem westlichen Fotoreporter auch in die Sowjetunion.
Mitte der 70er Jahre erklärte Cartier-Bresson sein Leben als Fotograf für beendet und entschied für sich, dass die Fotografie immer nur sein Weg zur Malerei gewesen sei. Gleichwohl distanzierte er sich nicht von dem großartigen Ouevre der vorangegangenen Jahrzehnte, ganz im Gegenteil: er organisierte immer wieder Ausstellungen, und gründete zwischen 2000 und 2003 mit seiner Frau Martine Franck und deren Tochter Melanie die „Stiftung Henri Cartier-Bresson“, die den Zugang zu seinen Werken und denen anderer Fotografen sicherstellen soll. Die Eröffnung schien so etwas wie die Erfüllung seines Lebens zu sein. Im folgenden Jahr, am 3. August 2004, starb Cartier-Bresson in Montjustin in der Provence.
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