Der 1955 in Halle an der Saale geborene und heute in Leipzig lebende und arbeitende Wolfgang Blaschke entzieht sich jeder Schublade. Schon die Einordnung seines künstlerischen Wirkens fällt schwer. Ist er eher Fotograf, der auch malt und zeichnet oder hat er sich vor allem dem Holzdruck verschrieben und ergänzt diese Tätigkeit mal mit Gemälden, mal mit Fotografien? Die Verwirrung wird komplett, wenn in Ausstellungen seiner Werke das „Gesamtkunstwerk“ Blaschke erst in der Kombination aus Exponaten und einfühlsamen, ergänzenden wie komplettierenden und erläuternden Texten, Beschreibungen und Empfindungen zum Ausdruck kommt.
Schon seine Ausbildung verlief ähnlich außerhalb aller Schubladen in Form eines Theologiestudiums in Rostock und einer medizinischen Ausbildung in Halle, die letztlich in eine Tätigkeit als Gestaltungs- und Sozialtherapeut und freischaffender Künstler mündeten. Die Entwicklung wurde sicherlich mitgeprägt von den Erfahrungen seines Vaters, dessen eher expressionistische Kunst nicht in das Schema des von sozialistischem Realismus geprägten DDR-Kunstbetriebs passte. Dennoch seiner eigenen Überzeugung zu folgen, künstlerisch arbeiten zu können, ohne die systemtypischen Verbiegungen und Verbeugungen mitmachen zu müssen, haben daher die ersten Jahrzehnte in Wolfgang Blaschkes Künstlervita geprägt - und eben diese Künstlerpersönlichkeit auch nach der Wende bestimmt.
„Ich beobachte, versuche und probiere, um aus der Gefahr des stumpfen Hinsehen und Verblassens der Dinge zu entkommen“, lautet eine der Selbstbeschreibungen Blaschkes. „Das Probieren reizt mich“, hält er weiter fest, um damit zur der Schlussfolgerung zu kommen: „Es ist der Versuch, über die materielle Wirklichkeit hinaus, außerhalb des sichtbaren Geschehens, eine subtilere, gefühlte Wahrheit zu finden.“ Für ihn lässt sich dieses auch generalisieren: „Der Versuch ist es, der uns und unser Tun ausmacht.“
Blaschkes neue Fotokunstserie unter dem Titel „Blankstahllager“ ermöglicht jedem Betrachter seine eigene Interpretation. Blaschke will nichts vorgeben, nichts diktieren. „Oft folge ich nur meinem fotografischen Instinkt. Ich halte einen Zustand fest, ohne Bewunderung, ohne Kritik, ich werte nicht. Was mich treibt ist Hoffnung.“
Gleichwohl ist die nuancenreiche und nur scheinbar emotionslose Dokumentation verfallener und weiter verfallender Industrieanlagen unter anderem in Leipzig und Dessau alles andere als eine aussagearme Aneinanderreihung von Details des Verfalls. Jedes einzelne Bild enthält die aktuelle Zustandsbeschreibung, die aber sowohl die Rückbestimmung und -besinnung des ursprünglichen Aussehens ermöglicht, als auch den weiteren zu erwartenden Verfallsprozess erahnen lässt. Stichwortgeber ist eine Aufnahme, die den ursprünglichen Zweck des hinter dem verrosteten Zugang liegenden Raumes plakativ festhält: „Blankstahllager“.
Das macht die Ausstellung nach einer von mehreren Interpretationsmöglichkeiten zu einer einzigen Allegorie auf die Befindlichkeit vieler DDR-Bürger bei der Betrachtung ihrer Vergangenheit. Sie mag in der Gegenwart verbraucht, verrostet, unbrauchbar erscheinen. Aber nur an der Oberfläche. Blankstahl – das steht ausweislich der fachlichen Erklärungen für eine „ebene, glatte Oberfläche“, für eine „bessere Bearbeitungsfähigkeit“, für eine „wesentlich genauere Maßgenauigkeit“ als vergleichbare Herstellungsvarianten. Damit stehen die Zeugnisse einer „abgewickelten“ Beschäftigung objektiv für die Entindustrialisierung ganzer Regionen, aber auch subjektiv für vergangene Lebensleistungen, Perspektiven und das Empfinden von funktionierenden Herstellungsprozessen. Es bleibt dem Betrachter überlassen, ob er mehr der Gegenwart und ihrer Logik oder mehr der Vergangenheit und ihren Emotionen zuneigen möchte.
Oder, um es mit Blaschke auszudrücken: „Mit meinen Fotografien versuche ich herauszufinden, was nicht schön sein muss, etwas zu finden, was sich nicht auf den ersten Blick zeigt, wovon ich selbst mitunter nicht einmal weiß.“ Für die Ausstellung „Blankstahllager“ gilt ein Vorsatz Blaschkes in ganz besonderer Weise: „Gute Fotos müssen für mich nahe an der Seele sein.“ Wir sehen etwas blank vor uns, wir sehen Stahl, und beides wird zu Trägern vieler anregender Gedanken.