|
|
Der am 20. August 1931 in Siegen geborene Bernd Becher und seine am 2. September 1934 in Potsdam geborene Frau Hilla (geborene Wobeser) haben sich als Fotografenpaar vor allem mit der einfühlsamen Dokumentation von Industriebauten weltweit einen legendären Namen erworben.
Das Studium brachte das Paar zusammen: Bernd Becher hatte von 1953 bis 1956 in Stuttgart Malerei und von 1959 bis 1961 in Düsseldorf an der Kunstakademie Typographie studiert, Hilla in Potsdam eine Fotografen-Ausbildung absolviert und an der Düsseldorfer Kunstakademie von 1958 bis 1961 Fotografie studiert. Sie heirateten 1961.
Bechers fotografisches Lebenswerk hat nicht nur weit über die Fotografie Akzente gesetzt und vielfältige Anregungen bis hin zum Denkmalschutz gegeben, es war in der ersten Entstehensphase auch nur Mittel zum Zweck. Bernd Hilla nutzte die Fotografie zunächst Ausgangs der 50er Jahre als Vorlage für eine spätere Auseinandersetzung mit Zeichenstift und Malpinsel. Doch mit dem sich abzeichnenden Verschwinden prägender Industriebauten begann er, mit dokumentarischer, dann auch mit ästhetischer Motivation die Zeugnisse der Industrialisierung zunächst im Siegerland, dann auch im deutschen und europäischen Raum bis hin nach Nordamerika mit der Kamera festzuhalten.
Dabei gingen die Bechers mit einem nahezu perfektionistischen Ansatz vor. Möglichst weder Sonnen- noch Regenbedingungen, sondern ein leicht gedämpftes Streulicht sollte die Konturen optimal hervortreten lassen, ohne durch Schattenverläufe gestört zu werden. Optische Verzerrungen mussten vermieden werden, das jeweilige Objekt hatte unbeeinträchtigt im Mittelpunkt zu stehen. Immer gleiche Winkelverschiebungen machten eine hochprofessionelle Vergleichbarkeit ähnlicher Bauten aus verschiedenen Regionen, Ländern, Zeiten und Gebrauchszusammenhängen möglich. Die Bechers vermieden auch, die Industrieanlagen im Zusammenhang mit Industriearbeitern oder industriellen Produkten aufzunehmen. Insofern passten ihre Fotografien, als die Fachwelt noch nicht so viel damit anfangen konnte, schnell in die Schublade der Minimalkunst. Auch von politische Anfeindungen, die eine kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen, kapitalistischen und bellistischen Hintergründen der industriellen Produktionsanlagen auf den Fotografien vermissten, ließen sich die Bechers nicht beeinflussen.
Wie seine Frau berichtet, hatte Bernd Becher im Grunde nur einen sehr eigenwilligen Zugang zur Fotokunst. „Eigentlich hat ihn Fotografie nicht interessiert“, fasste sie zusammen. Er sei auch später „eigentlich ein Zeichner“ geblieben. Anfangs habe er Industrielandschaften gezeichnet. „Er wurde aber nie fertig, weil er so präzise war.“ Und dann geriet er unter massiven Zeitdruck, als das große Sterben der historischen Industriearchitektur einsetzte, wichtigste Zeugnisse der Industrialisierung bedenkenlos dem Erdboden gleich gemacht wurde. Nicht zuletzt durch Bechers pedantisch-minutiöse Dokumentationen kam die Bodendenkmalpflege auch bei den Industriebauten in den 70er Jahren in Gang und rettete einzelne Exemplare jener Gattung, für die die Bechers den Begriff der „nomadischen Architektur“ prägten, also von Architektur, die dem Vergessen und Vernichten ausgesetzt schien: „Nomaden hinterlassen keine Ruinen.“
Später zum Kulminationspunkt einer wahren „Becher-Schule“ geadelt, glich das Wirken von Bernd und Hilla Becher in den ersten Jahren einem ständigen einzelkämpferischen Schwimmen gegen den Strom. Ökonomische Interessen traten bei Bernd Becher meistens gegenüber der Leidenschaft perfektionistischen Dokumentierens in den Hintergrund. Viele hätten sich gewundert, warum sie Fotos herstellten, mit denen kein Geld zu verdienen war, berichteten sie. Wochenlang waren die Bechers bei ihren Exkursionen in die Industriegebiete mit einem VW-Bus unterwegs, kochten und schliefen darin, wohnten mit ihrem Sohn „unterwegs“, wechselten die Filme und planten die nächsten Aufnahmen. „Pausen“ gab es nur, wenn das Wetter nicht mitspielte, wenn es also in Strömen regnete oder die Sonne zu grell schien.
Das Sujet der Industriebauten hätten sie sich regelrecht erarbeitet, schilderte Hilla Becher, bis sie begriffen, welche „unglaubliche Vielfalt“ darin stecke: Die Beobachtung, dass gleiche Anlagen in verschiedenen Ländern verschieden aussähen – die pragmatischen Briten, die sich nicht daran störten, wenn ein Rad in der Landschaft herumstehe, die „lieblicheren“ Franzosen, die schon mal mit Dächern und Ornamenten arbeiteten, dann die Deutsche, die auch gerne ein paar Zinnen drauf setzten. Hilla Becher: „Das Faszinierende ist, dass diese Objekte nicht gemacht sind, um schön zu sein, aber trotzdem Schönheit in sich tragen.“
Auf finanziell gesicherten Boden kamen die Bechers durch eine Professur Bernd Bechers an der Kunstakademie in Düsseldorf. Zwischen 1976 und 1999 entstand die „Becher“-Schule, deren Protagonisten zu herausragenden Koryphäen der internationalen Fotokunst wurden. Andreas Gursky („99 Cent“), Axel Hütte („As Dark As Night“), Candida Höfer („Palais Garnier“), Tata Ronkholz („Trinkhallen“), Thomas Ruff („Nudes“), Jörg Sasse („Tablaus“), Thomas Struth („Unbewusste Orte“) – sie alle gingen durch die Künstlerklasse Bernd Bechers und kamen natürlich auch in engen Kontakt mit dem Wirken seiner Frau. Keiner von ihnen habe gewusst, wohin die Reise gehen würde, schilderte Hilla Becher. Die jungen Leute hätten einfach gesehen, wie die Bechers arbeiteten, sie hätten keine Künstler kreiert, sondern eher die Haltung gegenüber der Kunst und dem Leben vermittelt: Wie man ein Thema durcharbeitet. Vielleicht sei es auch um „Demut und Bescheidenheit“ gegangen. Zur Bescheidenheit gehörten insofern auch die von Becher gewählten Print-Formate. Wie wohl es bei seinen Sujets durchaus auch um monumentale Bauten ging, reüssierte erst sein Schüler Gursky mit Monumentalfotografie. Obwohl die Bechers auch mit der Großformatkamera arbeiteten, brachten sie die Ergebnisse in die üblichen musealen Rahmen.
Demut und Bescheidenheit - ein interessanter Einstieg in eine Karriere, die Andreas Gursky zum teuersten Fotografen der Welt werden ließ, dessen Kunstwerke auf Auktionen Millionen-Erlöse erzielen. Hilla Becher: „Der ist auch Taxi gefahren, um Geld zu verdienen, und dann hat er losgelegt, und zwar ohne Aussicht auf Erfolg, ohne Sicherheit“. So wie seine Lehrer. Bernd Becher starb im Alter von 75 Jahren am 22. Juni 2007 in Rostock bei einer Operation. Bis zuletzt sorgte er sich, nicht „fertig“ geworden zu sein.
|