| Der 1955 in Wien als Sohn persischer Einwanderer geborene Yadegar Asisi (Yadegar Azizi Namini) bezeichnet sich selbst als Architekt und Maler. Warum wir ihn trotzdem zu den herausragenden Fotokünstlern zählen? Weil er das Medium der Fotografie nutzt und ihm, ergänzt durch Bildmanipulationen am Computer und schöpferische Eingriffe mit Pinsel und Zeichenstift, zu einer neuen, überwältigenden Bedeutung in einer künstlichen und künstlerischen Erlebniswelt verhilft.
Asisi verbrachte Kindheit und Jugend in Leipzig, was durch sein Sächseln auch Jahrzehnte später noch Spuren hinterlassen hat. Ab 1973 studierte er zunächst Architektur an der Technischen Universität in Dresden (Abschluss: Diplom-Ingenieur), dann ließ er an der Hochschule der Künste in Berlin ab 1978 ein Studium der Malerei folgen. Ab 1987 lehrte Asisi in Berlin perspektivisches Zeichnen, 1991 Architektur, ab 1996 führte er seine Studenten an die freie Darstellung heran.
In diesen Jahren ließ ihn die Frage nicht los, wie er die Verwandlung zweidimensionaler Bilder in solche mit dreidimensionaler Wirkung perfektionieren kann. Sein Streben war an dem Ziel ausgerichtet, so überzeugend wie möglich durch die Prinzipien der optischen Täuschung und der Illusion den Eindruck von räumlicher Wahrnehmung entstehen zu lassen. Der Architekt und Maler malt Architektur in Form verblüffend dreidimensionaler Bühnenbilder – alles Vorstufen zu seinem internationalen Durchbruch mit der uralten und von ihm wiederbelebten und mit modernen Mitteln perfektionierten Panorama-Illusion.
Asisi wählt dafür ein Format, das die gewaltigen Dimensionen von Andreas Gursky wie Briefmarken wirken lassen. Sein jüngstes Projekt im Ehrenhof des Pergamonmuseums in Berlin hat die Ausmaße von 103 mal 24 – nicht Zentimeter, sondern Meter! Fünf Jahre hat er mit einem 50köpfigen Team daran gearbeitet, einen Frühlingstag in der antiken griechisch-römischen Metropole Pergamon lebendig werden zu lassen. Dafür ließ er am Originalort der Ausgrabungen im heutigen türkischen Bergama einen Aussichtsturm errichten, von dem aus er in Hunderten von Fotos das Gelände als Grundlage für alle weiteren Details festhielt. In den Landschaftverlauf kopierte und zeichnete er dann Zentimeter für Zentimeter das, was ihm Archäologie und Geschichtsschreibung als Möglichkeit einer Realität an einem Frühjahrstag des Jahres 129 nach Christus lieferten.
Mehr als 5000 Fotografien verwendete er, um zunächst am Computer und dann am fertigen Ausdruck auf 40 vernähten Stoffbahnen das antike Pergamon lebendig werden zu lassen. Im Grunde hat Asisi das Puzzle-Prinzip revolutioniert. Er sucht sich aus Originalzeugnissen der Antike, theoretischen Abhandlungen, verstreuten Beispielen und gegenwärtigen Menschen, Pflanzen, Tieren und Gegenständen mit Digitalkamera und Phantasie so lange und so viele Fragmente zusammen, bis er sie zu einem stimmigen neuen Ganzen zusammenfügen kann. Das bedeutet, dass weder der einzelne Baum noch der Mensch oder die Katze als winziges Detail des monumentalen Panoramas so jemals existiert haben. Oft hat er sie aus mehreren Bäumen, Menschen und Katzen neu zusammengesetzt und eigenhändig malerisch komplettiert, damit das neue Bild seinen Beitrag zur Illusion leisten kann.
Dabei greift Asisi auf die Methode der Anamorphose, also der perspektivischen Verzerrung, zurück. So lange seine Animation nur ausgedruckt auf dem Boden liegen oder an der Wand hängen würde, würden die Augen nur verwirrende architektonische Verläufe an das Gehirn liefern. In eine gewaltige Rotunde mit 33 Metern Durchmessern gewölbt, wird der Betrachter auf drei Ebenen (0 und 12,50 und 15 Metern) jedoch Teil einer neuen realistischen Wahrnehmung.
Das sind die Dimensionen, mit denen Asisi bereits bei seinen ersten Projekten zum Mount Everest, dem antiken Rom , dem barocken Dresden und dem gefährdeten Amazonien ein Millionenpublikum begeistern konnte. Dazu bediente er sich von 2003 an großer leerstehender Gasometer, aus denen er mit seinen Panoramen die neuen Darstellungsorte von „Panometern“ entwickelte.
Während die Themen in Leipzig und Dresden für sich stehen, bildet Asisis temporäre Rotunde auf der Museumsinsel buchstäblich einen völlig neuen Zugang zu den in Spitzenmuseen möglichen Erkenntnisgewinnen des Menschen über sich selbst und seine Herkunft. Das Pergamonmuseum hat nämlich zu Asisis mehr oder weniger zutreffend erfundener Wirklichkeit 450 Originalzeugnisse gleich im Anschluss im Nordflügel des Museums zusammengetragen und die Präsentation ebenfalls der Handschrift Asisis überlassen. So hat der Besucher ein völlig neues Museumserlebnis, bekommt Asisis Kunst als Vision der Vergangenheit eine besondere Faszination.
Zwar suggeriert Asisi durch Lichtstimmung den Ablauf eines ganzen Frühlingstages in Pergamon. Das Live-Erlebnis verstärkt er noch durch Geräusche und Begleitmusik. Und doch entscheidet er sich für die Statik des fotografisch festgehaltenen Augenblicks, statt die technisch alternativ durchaus mögliche Form des Videos einzubeziehen. Dahinter steht Asisis Verständnis von „Sehkultur“. Er will ganz bewusst „nur ein Bild“ liefern. In der Flut an Informationen, die täglich und nahezu überall auf den Menschen von heute einströmten, sei nicht mehr die Beschaffung von Wissen das Problem, sondern die Auswahl. Die statische Konzentration lädt erst Recht dazu ein, im 360-Grad-Rund mit Beinen und Augen spazieren zu gehen, sich darauf einzulassen, Teil der Fiktion zu werden. Es sei dann nahezu unmöglich, sich seiner attraktiven Wirkung zu entziehen, schildert Asisi.
Er hat sich entschieden, einer noch relativ jungen Theorie Glauben zu schenken, wonach die in klassisch-ästhetischem Weiß überlieferten antiken Statuen früher in Wirklichkeit in drallen Farben die Menschen unmittelbar ansprachen. Die bunten Skulpturen auf einem Fries in einem kleinen Detail des Panoramas stellen daher ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür dar, wie Asisis Variante der Fotokunst den Menschen einen neuen Zugang zu optischen Erlebnissen und nachhaltigen Erkenntnisprozessen zu verhelfen vermag. |